Von Bartholomäus Grill

Dies vorweg: Nadine Gordimer ist eine große Schriftstellerin und glaubwürdige Kämpferin wider die Apartheid. Ihre Romane und Erzählungen verdienen den hohen Rang, den sie in der Weltliteratur einnehmen. Ihr jüngstes Werk aber, „Die Geschichte meines Sohnes“, hochgelobt schon vor, erst recht umjubelt nach der Verleihung des Nobelpreises für Literatur, enttäuscht von der ersten bis zur letzten Seite. Diese Vorbemerkung möge jenen Mißverständnissen vorbeugen, die gemeinhin auftreten, wenn eine literarische Heiligkeit kritisiert wird.

Der gute Mensch ist schwarz. Er verdient sein täglich Brot als Lehrer im Ghetto. Er gründet eine Elternberatung. Er hilft Behinderten und Alten. Er sorgt „in selbstauferlegter Verantwortung für das Wohlergehen aller Kinder“. Rein ist seine Seele, rassig sein Körper. Aus seinem „von feinfühligem Verstehen“ geprägten Gesicht schauen große schwarze Augen „wie in Verkörperung tiefer Gedanken“ – kein Wunder, der gute Mensch liest Shakespeare. Er liebt Mozart. Und was pickt in seiner Küche zwischen den Zeichnungen schwarzer Kinder an der Wand? Natürlich, ein van Gogh!

Der Leser denkt schon fast, der Schwarze sei darum so gut, weil er die weiße Kultur inhaliert hat. Aber er hat eben auch Herzensbildung, das merken sogar Betrunkene – sie rufen ihm nämlich niemals ein Schimpfwort nach. „Selbst die Hände, die sich aus den runden Kinderhänden entwickelten, waren von Anfang an außergewöhnlich.“ Wenn er mit Frau und Kindern beim Imbiß einkehrt, werfen sie „das zerknüllte, essigdurchweichte Papier sorgsam in die städtischen Papierkörbe“.

Doch das Familienglück unseres guten schwarzen Menschen währt nur bis zur Seite 19: Er, der „wie die übrigen seiner Art, ein Sebastian war“ (also gefeit gegen Pfeile aus allen Köchern), erliegt der Versuchung einer weißen Teufelin. „Sie ist blond.“ Sie hat ein „nacktes Gesicht“, ein „großflächiges“, darin, „leuchtend wie Farbtupfer“, blaue Augen, „die nicht viel Tiefe besaßen“ und wirkten wie „Glasaugen ausgestopfter Stofftiere“, ihre Ohrläppchen kältegerötet, das Haar schlampig geschnitten. „Rosa und flaumig-weiß – verwischt; ... die bestickte Bluse über einer Art formlosem weichem Polster (es dellte sich ein, wenn sie sich bewegte), das ihre Brüste sein mußten.“ Entsprechend schmuddelig sind ihre Büstenhalter und Slips.

Dieses unförmige, wabbelige Wesen namens Hannah verdreht Sonny, so heißt unser Held, den Kopf. Und das vertrackte an der Sache ist, daß sie zwar nicht eigentlich schön, dafür aber wahrhaftig und irgendwie auch gut ist; sie kämpft nämlich in einer Menschenrechtsorganisation gegen die Apartheid. Aber „andauernd“ setzt sie dieses „anmaßend vertrauliche Lächeln“ jener auf, „die gekommen sind, um zu helfen“.

Der edle Wilde ist umgezogen von der Südsee nach Soweto. Wie einst die Anthropologin Margaret Mead die Sex-Phantasien von College-Girls in das Liebesleben der Polynesier hineinforschte, so destilliert sie die Schriftstellerin Nadine Gordimer aus den Schäferstündchen der Schwarzen heraus. Der Leser, die Leserin wird bisweilen mit derart schwülstiger Romantik traktiert, daß er/sie meint, sich in einen Julia-Roman verirrt zu haben.