Kann Gatt-Generaldirektor Dunkel die Blockade der Uruguay-Runde durchbrechen?

Er gehört nur bedingt zu den Stars der internationalen Wirtschaftsszene. Obwohl schon seit 1980 im Amt, war sein Name bis vor kurzem nur wenigen Eingeweihten geläufig: Arthur Dunkel, der in Lissabon geborene Schweizer Diplomat aus Merishausen im Kanton Schaffhausen, ist seit fast zwölf Jahren Generaldirektor des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) in Genf. Nun, im Alter von 59 Jahren, erklärt er, daß er seinen Ende 1992 auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern wolle und sich sogar gern vorher schon zurückziehen würde.

Zwar ist es nichts Ungewöhnliches, wenn sich ein knapp sechzig Jahre alter Manager auf ein ruhigeres Privatleben vorbereitet, im Falle des Gatt-Direktors ist die Sache jedoch nicht ganz so einfach. Denn Dunkel kündigt seinen Rückzug zu einem Zeitpunkt an, an dem er seine Lebensaufgabe noch gar nicht abgeschlossen hat und es auch Zweifel gibt, ob er sie jemals wird abschließen können. Seine Aufgabe, das ist der Abschluß der seit fünf Jahren dauernden „Uruguay-Runde“ zum Abbau des Protektionismus, die den Welthandel um einige entscheidende Schritte freier machen soll.

Eigentlich hätten die Verhandlungen schon vor einem Jahr abgeschlossen sein sollen. Doch die Konferenz der Handelsminister in Brüssel scheiterte damals, weil die Europäische Gemeinschaft sich weigerte, dem Druck der Vereinigten Staaten, Australiens und anderer Agrarexporteure nachzugeben und die Subventionierung ihrer Landwirtschaft entscheidend abzubauen. Seither suchen Experten der verschiedenen Nationen unter Dunkels Regie in von außen kaum mehr zu durchschauenden Fachgesprächen nach einem Kompromiß. Es wird dabei auch vom diplomatischen Geschick des Generaldirektors abhängen, ob die Uruguay-Runde womöglich im nächsten Jahr ergebnislos abgebrochen werden muß. Und die Vermutung liegt nahe, daß Dunkel mit seiner Rücktrittsankündigung den Zeitdruck auf die Verhandlungspartner erhöhen wollte: Eine weitere Verlängerung der Gespräche um ein Jahr, so läßt sich sein Signal wohl interpretieren, ist nicht möglich.

Die 1986 im uruguayischen Seebad Punta del Este begonnenen Handelsgespräche sind tatsächlich in eine Sackgasse geraten, und niemand hat bisher die Zauberformel gefunden, um dort wieder herauszukommen. Konkrete Ergebnisse müssen jedoch nach Meinung der Experten im nächsten Monat vorliegen, damit mögliche Vereinbarungen nicht bei der Ratifizierung im amerikanischen Kongreß noch torpediert werden können.

Dunkels größtes Handicap liegt wohl darin, daß das Gatt – im Gegensatz zum Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank – rein rechtlich gar keine Organisation ist, sondern lediglich ein Sekretariat, das die praktische Umsetzung des zwischen über hundert Nationen geschlossenen Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens abwickelt. Der Generaldirektor hat also keine Exekutivmacht und kann sich nur auf subtilem Wege durchsetzen: indem er die Themenliste und den Fahrplan der Verhandlungen so festlegt, daß die Chancen für Kompromisse am größten sind. Viele Diplomaten sprechen Dunkel dafür ein erhebliches Talent zu.

Ziel der Uruguay-Runde war es nicht nur, Handelsbeschränkungen abzubauen, sondern auch, aus dem Gatt eine schlagkräftige Organisation zu machen. Statt dessen haben sich nun Amerikaner und Europäer im Streit um den Agrarhandel festgebissen, der ganze dreizehn Prozent des Welthandels ausmacht. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Ankündigung Dunkels diese Blockade durchbrechen kann. Nikolaus Piper