Von Anna v. Münchhausen

Altbau, fünf Zimmer, 220 Quadratmeter, 4000 Mark kalt; lange stand sie leer, „Münchens berühmteste Wohnung“ (Abendzeitung); jetzt ist sie wieder vermietet, an einen Architekten. Daß eben hier im vergangenen Jahr der Schauspieler Walter Sedlmayr von mehr oder weniger unbekannten Tätern umgebracht worden ist, kann ihn nicht irritieren.

Ob er sich denn nicht fürchte, wurde der neue Bewohner gefragt. Aber nein, warum auch? Er kenne ja Herrn Sedlmayr „nur von Funk und Fernsehen“.

Auf exemplarische Weise belegt die Meldung, warum es Gespenstergeschichten bei uns so schwer haben. Die Bereitschaft, unerklärlichen Erscheinungen Glauben zu schenken, ist beklagenswert unterentwickelt. Angenommen, Sedlmayrs Wohnung läge nicht in Schwabing, sondern in London, der, wie es heißt, gespensterreichsten Stadt der Welt: Sie wäre bis auf weiteres unvermietbar gewesen, denn ganz offensichtlich handelt es sich um einen Ort, an dem ein Toter nicht zur Ruhe kommt, gar nicht kommen kann. Die Eintragung in eines der Spezialverzeichnisse, die Spukhäuser und -plätze auflisten und mit Adresse anführen (zum Beispiel „A Gazetteer of British Ghosts“) wäre der besagten Wohnung so sicher wie der mitternächtliche Glockenschlag. Hausbesitzer fürchten diese Bücher; denn ein hier genanntes Objekt ist beinahe unverkäuflich.

Seit 1882 hat sich die ehrwürdige „Society for Psychical Research“ der Aufgabe verschrieben, nach allen Regeln der Überlieferung Berichte über gespenstische Erscheinungen zu prüfen. Die lächerliche Forderung nach Beweisen kann an ihrem Selbstbewußtsein nicht rütteln. Denn Spuk und Gespenster sind Teil der britischen Folklore, und völlig unabhängig von allen modischen New-Age-Wellen kennt im Vereinten Königreich der Käuze, Sonderlinge und Exzentriker nahezu jeder irgendeinen Ort, an dem es, ganz im Vertrauen, tatsächlich umgeht.

Das Wörterbuch übersetzt das Verb „to haunt“ mit: „häufig besuchen, heimsuchen, belästigen, plagen, verfolgen, spuken, umgehen in“; das gleichlautende Substantiv umschreibt es mit: „häufig besuchter Ort oder Aufenthalt, Lieblingsplatz“. Dicht nebeneinander liegen Angst und magische Anziehungskraft. Möglicherweise liegt in der ambivalenten Bedeutung schon eine Erklärung für den großen Erfolg des Bildbandes „Phantoms of the Isles“, der ausgehungerten kontinentaleuropäischen Gespensterfreunden nur zitternd empfohlen werden kann. Simon Marsden, routinierter britischer Photoreporter, ist ausgezogen, nicht um selbst das Fürchten zu lernen (er beherrscht es in allen Schattierungen), sondern es anderen beizubringen. Er zelebriert den Schrecken als Augenweide und bedient sich dabei seiner Kamera, gemeinhin ein Medium, dem Unbestechlichkeit unterstellt wird. Monatelang ist er durch England, Schottland, Wales und Irland gereist, sah Schlösser, Ruinen, Moore und abgelegene Täler, und was er fand und festhielt in seinen unverwechselbar düsteren, frostig-melancholischen Aufnahmen, ist geeignet, „jedem durchschnittlichen Rationalisten eine Höllenangst einzujagen“, wie selbst die kühl-vernünftige Financial Times lobte.

Aufgeklärte Zeitgenossen mögen sich mokieren, Angst sei keine Tugend. Ihre Überlegenheit bröckelt, wenn sie sich mit Marsden auf die Irrlichterreise begeben. „An einem dunklen, stillen Herbsttag, an dem die Wolken tief und schwer fast bis zur Erde hinabhingen, war ich lange Zeit durch eine eigentümlich trübe Gegend geritten und sah endlich, als sich schon die Abendschatten niedersenkten, das Stammhaus der Familie Usher vor mir. Gleich beim ersten Anblick der Mauern breitete sich eine unerträgliche Düsterkeit über meine Seele.“ Schon in den berühmten ersten Zeilen von Edgar A. Poes Erzählung „Der Untergang des Hauses Usher“ klingt an, daß die Abgründe der Psyche mit Begriffen der herkömmlichen Rationalität nicht zu fassen sind. Die „Phantome der Inseln“ sind im Grunde nichts anderes als die perfekte Illustration zu einer späten Poe-Gesamtausgabe, ein Echo vom Schreien und Flüstern, Klopfen, Stöhnen, Seufzen. Poe, der ,Meister des Grauens“, verstand es immer neu zu beschwören, und Marsden ist sein Jünger.