Im Nachmittagsstau in der Nähe des Düsseldorfer Grabbeplatzes hängenzubleiben ist in diesen Wochen eine Empfehlung, die wir Freunden neuerer Plastik nicht vorenthalten wollen. Während man vorrückt, die Gedanken irgendwo, verfängt sich der Blick unweigerlich in einer Konstellation dunkler Formen, die genau das Gegenteil von den Signalen sind, die einem normalerweise aus Schaufenstern entgegenkommen. Aus der Distanz wirken sie leicht und schwer zugleich, sind ebenso eingängig wie unverständlich: Formen aus Stahl, sperrig, aber wie mit spielerischem Elan in den hellen Raum gezeichnet. Skulpturen von erstaunlicher Fernwirkung wachsen einem da aus zwei Schaufenstern entgegen. Man passiert sie schließlich nicht ohne Bedauern, daß es keinen Parkplatz gibt vor Hans Mayers Galerie.

"Meine Skulptur ist etwas, was außerhalb dessen steht, was Sie als Person sind", sagte Anthony Caro einmal, um darauf hinzuweisen, daß seine Abstraktionen aus rohem oder farbig bemaltem Stahl sich selbst genügen: Kunst existiere als Kunst, nicht als Botschaft. Das schließt nicht aus, daß diese Objekte als suggestive Blick-Fänger auftreten. Sie wirken einladend, auch als beinahe monströse Großform. Sie machen es dem Auge einfach, ihrer formalen Bewegtheit zu folgen, und sie bestehen nicht darauf, irgendwie prinzipiell zu wirken. Das unterscheidet die Plastik des phantasievollen, lustvoll montierenden Engländers von den gewaltigen Rosteisenplatten des Amerikaners Richard Serra. Caros stets abstrakte Werke mit den assoziationsreichen Titeln haben auch rigorose Züge. Aber sie bedrohen niemanden, und ihre Offenheit gibt einem das befreiende Gefühl, sie mit den Augen durchdringen zu können. So läßt sich die Schwere leicht nehmen, so kann sich der Rhythmus der Formen entfalten – und mit ihm die darin ruhende Harmonie, das Pointierte und Gespannte, schließlich eine Gelassenheit, die Caros ganzes Werk durchzieht.

In solch souveränem Umgang mit dem eigenen Werk liegt eine imponierende Sicherheit. Die Gewißheit, daß "diese wirklich harte Arbeit" der Stahlplastik leichthändige Improvisation zuläßt. Und das Vertrauen in die eigene, über Jahrzehnte praktizierte und sich immer erneuernde bildnerische Sprache. Anthony Caro geht der Stoff nicht aus; seine Montagen wirken vielmehr immer freier, ja seltsam erzählerisch. Die aus den Prinzipien der Collage erarbeiteten Skulpturen aus Schrott und Rohstahl dehnen sich zusehends in den Raum aus, sie werden voluminöser, anschaulicher und vergleichsweise üppig im Detail. Die Zeiten scharfer geometrischer Konstruktionen, der strengen und nichtsdestoweniger doch stets leicht verschobenen Horizontalen und Vertikalen sind lange vorbei. Der Improvisator baut nun gern stählerne Architekturen, so spleenig wie die "Follys" seiner Heimat, so wundersam zusammengeschmiedet wie ein permanenter Kindertraum. Baumhaus und Rummelplatz, alte Maschinen, kaputte Öfen, merkwürdige Dampfkessel, unbesteigbare Throne, erstarrte Wasserfälle – Caros gelassener Geist spielt mit vielem, und mit dem Schneidbrenner gibt er allem Gestalt. Wenn es ihm beliebt, dann grüßt er auch Edouard Manets "Frühstück im Grünen" mit einer Montage planer, gewölbter, gestreckter, zur belebten Gruppe versammelter Stahlformen. Er denkt an die Ruinen von Olympia, nicht ohne Folgen für seine Kunst, und er schafft ein begehbares Monument, emphatisch skurril wie eine Parodie auf Tatlins Turm-Projekt. Manches wirkt ruinös, und manchmal kann man den Verdacht haben, Caros nomadenhafte Beutegänge in die Vergangenheit von Malerei und Kulturgeschichte hätten auch etwas mit einem leise ironischen Abgesang auf die große Abstraktion zu tun. "Vor zwanzig Jahren versuchten wir, Wege zu finden, um klar und mit sparsamen Mitteln Kunst zu schaffen und um unsere Grammatik aufzustellen. Jetzt können wir komplette Sätze schreiben." Anthony Caro ist dabei, ein Romancier der modernen Plastik zu werden. Mit 67 Jahren ist der Künstler immer noch so frei, Wege zu finden und sein Material herauszufordern. Und wie früher gelingt ihm das oft traumwandlerisch sicher, vor allem wenn er beim Stahl bleibt und nicht mit Bronze arbeitet. Dann funktionieren die collagierten Elemente der Skulpturen ganz leicht, zauberisch und ein wenig absurd.

Sir Anthony, vor einigen Jahren von seiner Königin geadelt, Sohn eines Börsenmaklers, Nachkomme eines Londoner Rabbis, für kurze Zeit Henry Moores Assistent, dieser in seiner Heimatstadt und in aller Welt tätige Künstler, wird gegenwärtig international gefeiert, ganz ohne Gedenktag, nur aus dem angewachsenen Reichtum des Werks heraus. Eine konzertierte Aktion von Ausstellungen ist anzuzeigen, wie sie dieses seit langem vielbeachtete Œuvre noch nicht erlebte: Neue monumentale Werke, die "Sculpitectures", stellt die Londoner Tate Gallery vor. Kleinere Ausstellungen in den Galerien von Annely Juda und Knoedler in London sowie André Emmerich in New York schlossen sich dem großen Auftritt an. Wie um dem Augenblick Dauer zu verleihen, wurde am Themseufer eine Großplastik – "Sea Music" – aufgestellt.

Während der Art Cologne war Caro kürzlich einer der heimlichen Helden der Messe, präsent wie nie, lebendig wie stets und verläßlich, was die Intelligenz und die spröde Unterhaltsamkeit seiner Arbeit betrifft. Gekommen war er zu gleich zwei Ausstellungseröffnungen: bei Hans Mayer und Bogislav von Wentzel. Wentzel, der den Künstler seit 1973 enthusiastisch vertritt, zieht eine ausgiebige Bilanz all der Jahre freundschaftlicher Zusammenarbeit mit Caro. Bei Mayer, der neuere Arbeiten in der Galerie am Grabbeplatz und in der Kaystraße zeigt, sind auch die eher kapriziös-eleganten, von katalanischen Schmiedearbeiten inspirierten Stücke zu sehen sowie raumgreifende große Stahlarbeiten von den sechziger Jahren bis in die Gegenwart. "Abstrakte Plastik hat es nicht leicht zu gefallen", sagte Caro einmal. Er muß das nicht mehr bedauern.

(Galerie Hans Mayer bis zum 15. Januar 1992; Galerie Wentzel bis zum 18. Januar 1992. Im Prestel-Verlag, München, erschien zur Ausstellung in der Tate-Gallery eine englische Monographie von Karen Wilkin für 98,– DM.) Ursula Bode