Hätten sich vor zweihundert Jahren, am 6. Dezember 1791 nachmittags um drei Uhr, an der Kruzifix-Kapelle des Wiener Stephans-Domes zur Einsegnung der Leiche des Wolfgang Amadé Mozart und deren anschließender Bestattung auch nur Bruchteile eines Promille jener Neugierigen versammelt, die jetzt – hundert Millionen, schätzt ein Sprecher des für das Medienspektakel der 16 Fernseh- und 450 Radiostationen verantwortlichen ORF – so viel Interesse an einer Totenmesse für den Komponisten zu zeigen schienen: Wir rätselten heute weder über den Grund seines frühen Todes noch über die Stelle, wo er seine letzte Ruhe gefunden hat.

Doch statt dessen wissen wir nur, daß die katholische Kirche zwar durch ihren Erzbischof in Salzburg diesen „lumpen, lausbub, fexen“ mit einem „tritt im hintern“ aus ihrer Antichambre hinausbeförderte und sich dafür, soweit bekannt wurde, bislang noch nicht entschuldigte; daß gleichviel heute, durch den kaum sensibleren Wiener Ordinarius im pluralis maiestastis, „wir Gott dafür danken, daß er unserem Volk (der Ton macht die Musik) so große Söhne, begabt und begnadet mit der Gabe der Musik, geschenkt hat“;

daß trotz Trennung von Staat und Kirche ein Kardinal, der ansonsten allenfalls bei der Erwähnung des Namens seines Gottes oder dessen Sohnes – und dies nach der Liturgiereform auch nur noch in sehr seltenen Fällen – den Kopf verneigt, vor einem Bundespräsidenten Waldheim einen rituellen Diener macht;

daß „das einmalig Große dieser feierlichen Totenliturgie“ nicht etwa die gemeinsame Eucharistiefeier gewesen sein soll (obwohl die so gemeinsam schon mit Rücksicht auf den Zeitdruck der Übertrager nicht sein durfte), sondern daß es in Wirklichkeit „die wunderbare Einheit seines (Mozarts) Wortes mit dem Worte Gottes“ war;

daß sein „Requiem“ die „große majestätische und so wunderbar zarte große Predigt dieser Messe“ war – so viel (durchaus berechtigtes) Understatement hätten wir dem predigenden Erzbischof Hans Groer nicht zugetraut;

daß eine Kirche, ohne mit einer intellektuellen Wimper zu zucken, zweihundert Jahre nach dem Tode eines damals noch nicht Sechsunddreißigjährigen darum bittet, der „verherrlichte Christus möge seinem Geschöpf, seinem Kind, dem er so reiche Gaben geschenkt hat, auch die größte Gabe geben, sein Herz, seine Liebe auf ewig“.

Was „unsere“ Wiener Philharmoniker, was der sie „führende“ Sir Georg Solti – so gar nicht römisch-katholischen Bekenntnisses –, was endlich die „angeschlossenen“ Juden, Moslems, Schintoisten oder Befreiungstheologen von Mozarts „Requiem“ und was vom Anspruch einer (meiner) katholischen Kirche halten werden, wissen wir, jenem Gott sei Dank, nicht. Heinz Josef Herbort