Von Jürgen Duenbostel

Aus dem Radio trällert ein fröhliches Lied: „Unser Land ist mein Land und dein Land – unser Land, so schön ist sonst kein Land – von den Alpen bis zum hellen Nordseestrand ...“ Solche Platten sind beliebt im deutschen Programm des namibischen Rundfunks. Johanna, Veronica oder Ndaiponofi, Martin, Alex oder Shindele träumen von diesem Land. Sie sind junge Namibier schwarzer Hautfarbe. Und wenn sie Heimweh haben, dann sehnen sie sich nach dem Gebiet zwischen Erzgebirge und Ostsee – nach dem Staat, der nicht mehr existiert.

Als „DDR-Kinder“ werden sie von den Weißen in Namibia bezeichnet, im Unterschied zu den „Schwarzen“ oder – wie viele Weiße dort immer noch sagen – zu den „Kaffern“. Und ihre schwarzen Landsleute reden von den „deutschen Schwarzen“, sehen sie als Ausländer an.

Es gibt 428 dieser DDR-Kinder in Namibia. Sie alle sind Kriegsopfer. In Flüchtlingslagern in Angola und Sambia wurden die meisten von ihnen geboren. Damals kämpften im Norden Namibias und im Süden Angolas die Soldaten der Plan, der von der Swapo geführten „Volksbefreiungsarmee Namibias“. Sie fochten gegen südafrikanische Truppen, die ihr Land besetzt hielten. Bis weit auf angolanisches Gebiet waren Pretorias Streitkräfte vorgedrungen.

Am 4. Mai 1978 kamen bei einem südafrikanischen Luftangriff auf das Flüchtlingslager Kassinga 871 Menschen ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder. Nach dem Kassinga-Massaker beschloß die Swapo, wenigstens die Kinder in Sicherheit zu bringen. Sie bat befreundete Staaten um Hilfe. Neben Sambia, dem Kongo, Kuba, Indien und der Tschechoslowakei erklärte sich auch die DDR bereit, Flüchtlingskinder aufzunehmen.

Mit fünf oder sechs Jahren kamen diese Kinder zunächst auf ein Internat in Bellin bei Güstrow an der Ostsee. Wenn sie dort ihre Grundschulausbildung beendet hatten, wechselten sie an die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt. Das war ein Vorzeigemodell der DDR für internationale Solidarität. Schule, Wohnheime und Sportanlagen waren exklusiv für die ausländischen Schüler da. Nach dem Abschluß ihrer Ausbildung – so war wohl der Hintergedanke – sollten sie einmal Kader werden für den Aufbau des Sozialismus in ihren Ländern.

Doch es kam anders.