Stuttgart

Kann ja sein, daß es einfach zu früh war, als man Lenin ein Denkmal setzte. Vielleicht hätte man einige Jahre warten sollen, ehe man ihn in Stein schlug. Was sind schließlich schon hundert Jahre Bedenk-Zeit für ein Denk-Mal, wenn es dafür fest und sicher auf seinen Fundamenten in der Welt ruht und man nicht fürchten muß, daß es eines Tages wieder demontiert wird?

In diesen Tagen der stürzenden Denkmäler kommt die beruhigende Nachricht aus Baden-Württemberg, dessen schwäbische Bewohner sich noch selten den Vorwurf einhandelten, eine Entscheidung überstürzt getroffen zu haben. 143 Jahre nach der Geburt ihres letzten württembergischen Königs, Wilhelms II., 100 Jahre nach seiner Thronbesteigung, 73 Jahre nach seiner Entmachtung und 70 Jahre nach seinem Tod wurde ihm in Stuttgart ein Denkmal gesetzt. Daß man möglicherweise die späte Liebe der Stuttgarter zum Monarchen mißverstehen könnte, hatten die Initiatoren des Denkmals geahnt und darum den Verein „Ein Denkmal für den Bürgerkönig Wilhelm II. Stuttgart e.V.“ gegründet. Dessen Vorsitzender, der 73jährige Hans-Frieder Willmann, beteuerte immer wieder, es handle sich lediglich um „eine Wiedergutmachung“ für den „undankbaren Abschied“, den die Stuttgarter Bevölkerung „diesem wirklich neuen Herrn“ 1918 bereitete. Wilhelm II. war von den Revoluzzern im Jahre 1918 das Regieren untersagt worden. Das habe den so volksnahen König „sehr getroffen“, bestätigt auch heute noch einer der königlichen Nachfahren, Carl Herzog von Württemberg.

In der Tat war Wilhelm II. über seinen erzwungenen Abgang tief beleidigt gewesen und hatte sich grummelnd auf sein Jagdschloß nach Bebenhausen bei Tübingen zurückgezogen. Keinen Fuß mehr setzte er danach auf Stuttgarter Boden, ließ sich zur Strafe seiner ehemaligen Untertanen in Ludwigsburg begraben und verfügte noch im Sterben, daß selbst der Trauerzug Stuttgart in weitem Bogen umfahren müsse.

Seither nagen die Stuttgarter an ihrem schlechten Gewissen, „diesen ausgeprägten Demokraten“ (Willmann) so ungerecht behandelt zu haben. Wo selbst der kommunistische Spartakusführer den aufgewühlten Volksmassen in Stuttgart 1918 zugerufen hatte: „Laßt mir den alten Herrn in Ruhe!“, konnte es sich doch bei seiner Absetzung im Grunde nur um einen riesigen Irrtum handeln.

Ihn fortzujagen sei „unfair“ gewesen, fand auch der Stuttgarter Bildhauer Hermann-Christian Zimmerle, und so begann er ohne Auftrag 1982 damit, ein Denkmal für den verschmähten Monarchen zu entwerfen. Denn, so Zimmerle, „wir haben da etwas gutzumachen“.

Das sahen mindestens 1300 Stuttgarter genauso. Mit ihrer Spende baten sie um Ablaß für die begangene Verfehlung ihrer Vorfahren. Fast eine viertel Million Mark kam auf dem Vereinskonto zusammen, wobei sich der Vorsitzende Willmann besonders darüber freute, „daß so viele ältere kleine Leute etwas gegeben haben“. Häufig seien da „Mütterchen“ vorbeigekommen und hätten fünf Mark „für den König“ abgegeben.