Von Hans Schuh

Als unser sechsjähriger Sohn das Schreiben erlernen sollte, kam es zu einem merkwürdigen Konflikt. Ihm wollte partout nicht einleuchten, daß er mit seinen Krakeleien oben auf dem Blatt zu beginnen habe; vielmehr schrieb er lieber von unten nach oben. Seine Begründung war einfach: "Die Maurer bauen die Häuser doch auch von unten her!" Ergo "baute" er seine Seiten nach dem gleichen Prinzip.

Nicht nur der Aufbau von Schriftstücken, sondern auch jener der Materie läßt sich von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Vertraut ist uns das Periodensystem der Elemente, das vom leichten Wasserstoff reicht bis zum schweren Uran und darüber hinaus noch zu einigen Superschweren, aber instabilen Atomsorten; aus rund hundert Elementen ist alles auf der Erde aufgebaut. Für unsere täglichen Erfahrungen genügt diese irdische Perspektive.

Die Physiker hingegen pflegen eine andere Sicht, indem sie den Kosmos und seine Geschichte vom Urknall bis zum Ende aller Zeiten betrachten. Dabei fanden sie heraus, daß es neben der gewohnten "irdischen" Materie noch eine zweite "Insel materieller Stabilität" gibt (siehe Zeichnung). Wenn alle Sterne dereinst ausgebrannt sein sollten, dann wird es grob drei Klassen kosmischer Pensionäre geben: erstens "Schwarze Zwerge", die im wesentlichen aus ähnlicher Materie bestehen wie die Erde; zweitens deutlich schwerere Veteranen, die als stabile Neutronensterne enden und ihre weitere Existenz jener zweiten "Insel der Stabilität" verdanken. Drittens: Alle übrigen superschweren Sterne schrumpfen in einer Art umgekehrten Urknalls zu einem "Schwarzen Loch" ohne Materie.

Bereits heute gibt es viele ausgeglühte Sterne am Himmel, allerdings lassen sich die Schwarzen Zwerge und Schwarzen Löcher nur schwer nachweisen, weil von ihnen (fast) keine Strahlung ausgeht. Die Existenz zahlreicher Neutronensterne hingegen ist gesichert, denn sie beginnen ihr Rentnerdasein als typische, rasch blinkende "Leuchtfeuer". Diese Veteranen bestehen aus ungeheuer kompakter Materie: Ihre Dichte beträgt etwa hundert Millionen Tonnen pro Kubikzentimeter! Gelänge solches Zeugs jemals auf die Erde, so würde es durch sein schieres Gewicht alle festen Strukturen, die ihm im Weg stehen, zermalmen und schnurstracks zum Erdmittelpunkt donnern.

Der horrende Unterschied zwischen irdischer Materie und jener der Neutronensterne wirft eine interessante Frage auf: Gibt es zwischen diesen beiden Formen, die sich in ihren typischen Merkmalen wie Masse und elektrische Ladung 10 hoch 54-fach (eine Zahl mit 54 Nullen) unterscheiden, nicht irgendwelche Übergangsformen? Gibt es dazwischen nur eine gigantische "nukleare Wüste"?

Natura non facit saltus, die Natur mache keine Sprünge, lautet eine alte Weisheit – und nun hier diese Kluft? Viele Physiker meinen, daß es eine Brücke zwischen den beiden Materieformen gebe. "Seltsame Materie" nennen sie dieses Bindeglied, um das sich zahllose Spekulationen ranken und dem weltweit Physiker nachspüren.