Seit langem sind Hunde unersetzliche Begleiter sehbehinderter Menschen. Auch zum „Hörhund“ für Taube lassen sich die anstelligen Vierbeiner trainieren. Sie reagieren auf Telephonklingeln, Feueralarm und ähnliche Signale. Selbst als „Nachtschwester“, die bestimmte Merkmale im Befinden von Patienten anzeigt, können Hunde abgerichtet werden. Solche Aufgaben allerdings erscheinen vergleichsweise konventionell, gemessen an den neuesten Verwendungsmöglichkeiten, die sich amerikanische Wissenschaftler für des Menschen liebstes Haustier ausgedacht haben: Sie sehen den Hund der Zukunft vor allem als seelische Stütze und Psychotherapeutikum für Depressive und Kranke, für Alte und Einsame, für Kinder, Gefangene und Benachteiligte.

Schon seit Jahren haben Mediziner und Psychologen Beweise für die Vermutung gesammelt, daß Hundehalter glücklicher, gesünder und länger leben als andere Menschen. Damit begann zunächst schüchtern ein interdisziplinärer Forschungszweig, der nach der Wechselbeziehung von Mensch und Haustier fragt. Der Forschungsgegenstand allerdings ist bislang noch so neu, daß kaum verbindliche Ergebnisse vorliegen, ja daß nicht einmal feststeht, welche konkreten Forschungsziele verfolgt werden sollen, geschweige denn mit welchen Methoden. Pilotstudien immerhin haben gezeigt, daß die neue Disziplin wichtige Erkenntnisse für die verschiedensten Bereiche von Psychotherapie und Sozialarbeit anbietet.

So setzt der Psychiatrieprofessor Samuel A. Carson von der Staatsuniversität Ohio beispielsweise Hunde erfolgreich in der Behandlung schwer kontaktgestörter, gemütskranker Menschen wie etwa Schizophrener ein. Die Patienten, die zuvor meist völlig desinteressiert an ihrer Umwelt waren, akzeptierten dankbar ihre vierbeinigen Begleiter, machten mit ihnen Spaziergänge, hätschelten und pflegten sie. Und mehrere begannen dadurch, zur allgemeinen Verwunderung, auch wieder mit anderen Menschen zu reden. Einige sehr gestörte Patienten konnten nach dieser Haustiertherapie sogar aus der Klinik entlassen werden. Das ist um so bemerkenswerter, als sich die Isolation bei Schizophrenen nur schwer durchbrechen läßt.

Der französische Veterinär Ange Condoret ging ähnliche Wege bei autistischen Kindern, die – in völliger innerer Abgeschiedenheit lebend – zu jeglicher Kommunikation unfähig sind. Condoret richtete ein Kinderzentrum für die Kommunikation zwischen Mensch und Tier ein. Dort finden autistische Kinder auf dem Umweg über das Tier angeblich besseren Kontakt zu ihren Mitmenschen. Nach Condorets Angaben lassen sich auch vergleichsweise harmlosere kindliche Probleme wie Bettnässen und Alpträume dadurch lindern, daß man dem betreffenden Kind erlaubt, ein Haustier zu halten.

Ebenso dankbare Adressaten für eine Haustiertherapie scheinen alte Menschen zu sein, hat der britische Verhaltensforscher Roger Mugford festgestellt. Er hat in Yorkshire eine Gruppe von Männern und Frauen jenseits des 70. Lebensjahres untersucht. Die Hälfte von ihnen wurde zu gärtnerischen Bemühungen angehalten und sollte Begonien pflegen. Die andere Hälfte erhielt einen Wellensittich als Hausgenossen einquartiert. Die Vogelfreunde erwiesen sich nach einiger Zeit als die sozial Aktiveren und Beweglicheren: Sie hatten mehr Freunde, öfter Besuch und überhaupt mehr Kontakte. Sie wurden seltener krank, und nur wenige von ihnen starben im Beobachtungszeitraum.

Ähnliche Beobachtungen behauptet der amerikanische Psychiater Aaron Katcher bei Herzpatienten gemacht zu haben. Zu seinem Erstaunen steigerte das Zusammenleben mit einem Haustier offenbar die Lebenserwartung seiner Patienten. Hunde, Katzen und Fische hatten dabei die gleiche Wirkung wie in einem Fall sogar ein Leguan.

Den Grund dafür könnten die Psychiater James Lynch und Erika Friedmann von den Universitäten Maryland und Pennsylvania entdeckt haben. Sie fanden nämlich heraus, daß Haustiere den menschlichen Blutdruck günstig beeinflussen: Während der Dialog mit einem Menschen den Blutdruck steigere, bleibe er im Gespräch mit einem Haustier gleich oder sinke sogar. Selbst die bloße Anwesenheit eines Hundes im gleichen Zimmer könne den Blutdruck senken, ebenso wie der Blick auf ein Aquarium mit Fischen.