Von Robin Detje

Zweimal totes Laub: Einmal bedeckt es eine Leiche auf einem großen Eßtisch in einer düsteren Halle. Nur von oben fällt etwas Licht durch einen vergitterten Kanaldeckel. Eine grau geschminkte Festgesellschaft säbelt sich mit Messer und Gabel rohes Fleisch aus dem Kadaver. Aber plötzlich fängt der Tote an zu stöhnen und zu zucken. Ein Horrorfilm! Die Esser am Tisch sind teils entsetzt und teils begeistert.

Ein halbnackter Mann wühlt sich aus den trockenen Blättern, ein behaartes Riesenbaby mit einem lustigen Spitzbauch, unverletzt, ein weißes Tuch um die Lenden und Schlangenlederstiefel an den Füßen: König Oidipus. Am Tisch sitzt das Volk von Theben, der Chor des Dramas. Das Volk erschafft sich seinen König, indem es ihn auffrißt – das ist eine sehr komplizierte Geschichte. Eine Geschichte, die irgendwann nach dem Tod beginnt – im Totenreich der Ideen.

Und wieder Herbstlaub, diesmal verstreut auf einer Rampe zwischen zwei steinernen (oder stählernen) Torbögen. Mittendrin sitzt ein nackter Mann: Jago. Er friert, und wärmer wird ihm erst, als auch alle anderen um ihn frieren. Jago ist böse.

Jetzt wühlen sich zwei andere Menschen aus einem Haufen von Blättern vor den Füßen der Zuschauer: Othello und Desdemona. Sie leben nicht nur, sie lieben sich auch. Das Laub hat sie warm gehalten, und nun tanzen sie, getragen von süßer Musik, die Rampe hinauf. Othello wickelt seine lächelnde Desdemona in ihren Schleier – das ist eine ganz, ganz einfache Geschichte. Eine Geschichte, die sich vom Glück (und Schmerz) des Lebens gar nicht trennen mag.

*

In der Stadthalle zu Mülheim hat Roberto Ciulli „König Oidipus“ inszeniert, das Drama des Sophokles. Für Ariane Mnouchkines Pariser Antikenprojekt ist der Chor der griechischen Tragödie wiederauferstanden, tanzend und jubelnd vor Glück (und Schmerz). Ciulli hat ihn für die erste Folge seiner Sophokles-Trilogie lebendig begraben. Leichenfressende Untote sind die Thebaner, ein müdes, sensationslüsternes Wolfsrudel. Und ihr König muß sie unterhalten, wenn er nicht wieder unters Messer kommen will – das weiß er nur zu genau. Oidipus ist ein Nervenbündel, ein zitterndes Wrack. Todesmutig macht er sich zum ersten Clown im thebanischen Herbst. Die drakonischen Maßnahmen gegen die Pest, das dramatische Wortgefecht mit Kreon, dem mutmaßlichen Brunnenvergifter – alles Scheingefechte, Schaukämpfe, alles Politik.