Nun sind die großen Worte der Biedermänner billig zu haben. Der politische Friede sei in Gefahr, Regierung und Parlament steckten in einer fundamentalen Legitimationskrise, eine Umkehr sei unumgänglich, kurzum: Die politische Glaubwürdigkeit wiege schwerer als hohe Pensionen und höhere Diäten für Hamburger Senatoren und Abgeordnete.

Jetzt also vereinigen sich die Brandstifter zur unfreiwilligen Feuerwehr – mit einem Liedlein über die politische Kultur auf den Lippen. Nicht nur das neue Diätengesetz der Hansestadt wurde kassiert. Auch das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an der Öffentlichkeit und an den Abgeordneten vorbeigemogelte Senatsgesetz von 1987 soll „zurückgebaut“ werden; in diesem Gesetz waren jene skandalös überhöhten Pensionsansprüche für Senatoren versteckt worden, an die nun die Altersversorgung erst für alle Volksvertreter, dann aber nur noch für ihren Präsidenten und für ihre Fraktionschefs „angepaßt“ werden sollte. Und nicht nur das. Vielleicht fällt auch noch jenes Senatsgesetz, das bereits 1963 ungewöhnlich hohe Versorgungsansprüche festlegte. Diese Rolle rückwärts ist eindrucksvoll – und eindrucksvoll peinlich. Denn wer könnte schon vergessen, daß der Vorturner Henning Voscherau noch vor wenigen Wochen seine durchaus kritisch gestimmten Genossen anherrschte, mit einer Partei, die in dieser Sache nicht bei Fuß gehe, könne er nicht regieren?

Noch die Wende selber war ein Skandal für sich. Denn weder die öffentliche Kritik noch manifeste verfassungsrechtliche Bedenken zeitigten gehörige Wirkung; Abgeordnete, die deswegen schon zu schwanken begannen, wurden vielmehr energisch zu Paaren getrieben. Bürger und Wähler mochten protestieren, soviel sie wollten – reagiert haben die Politiker erst, als die Parteibücher massenhaft zurückgegeben wurden. So zeigte sich auf dem Hinweg wie auf dem Rückweg, wie sehr die Parteien in Hamburg nur auf eines schauen: auf sich selbst. Nur in Hamburg? R. L.