Eine in Gold getauchte Welt oder golden wattierte Räume, Prunk und Protz und Kitsch, Feierliches neben Transzendentem, Katzengold neben Goldbarren. Wer weiß, was wir erwartet haben? Vielleicht die dekadenten Salons der Arte-Buffa-Künstler mit Goldlame und fütternden goldenen Tressen. Oder die auratisch glänzenden Zaubertricks eines Kounellis und James Lee Byars. Das Wort Gold jedenfalls, der Titel „Das goldene Zeitalter“ hat uns magisch wie ein Sesam-öffne-dich herangelockt.

Wir kannten die Reportagen in den Journalen über den Trend zum Gold, haben goldene Dessous, goldene Service, goldene Möbelstoffe gesehen, beneideten Madonnas goldenes Gaultier-Korsett und liebten die wunderbar kitschigen Porzellanstückchen von Jeff Koons. Viel haben wir daher erwartet. Und sicher nicht ein nüchternes Depot, die Säle eines Warenlagers, aufgeräumt nach Epochen und Gattungen, wo mit der Geduld eines Universitätsprofessors zeitgenössische Kunst und sakrale Kunst vergangener Zeiten, Kelche und Sammeltassen, Anhänger und Andenkenspuk aneinandergereiht sind. Nichts scheint vergessen, an alles wurde gedacht, noch die allerfernsten Ränder des Themas Gold, Baldachinrisse für Monstranzen der Baseler Goldschmiede, wurden mit unverrückbarer Geduld an den Wänden verteilt. Der Katalog geriet zur Traktatensammlung, mit wirklich lesenswerten Aufsätzen über die Verwendung des Goldgrundes in der Buchkunst und die Bedeutung von Gold in den mittelalterlichen Gemälden, neben Notizen über die Württembergischen Alchimisten und das Stuttgarter Kartenspiel und allerhand kunsthistorischen Vorlesungen.

Neugierig waren wir auf Künstler, die von Gold besessen sind wie James Lee Byars. Er zelebriert in der Materie, führt sich selbst als Magier vor, baut goldene Inszenierungen, Schatzkammern auf, mit goldenen Requisiten, Möbeln oder ins Gigantische vergrößerten minimalistischen Objekten. Ein goldener Turm von ihm steht in Stuttgart, ein Teil von vielen in der großen Halle des Kunstvereins, nicht weit davon stoßen wir auf die lange Reihe mit den Schüsseln von Wolfgang Laibs „Reismahlzeiten“ auf Bilder von Imi Knoebel, Ludger Gerdes oder Rob Schölte, finden Olaf Metzels „Il baletto della crisi“ aus Zeitungsmatrizen und noch etliche zehn, zwanzig Goldkunststücke von Künstlern aus den letzten Jahren. James Lee Byars’ goldener Turm ist da ebenso wie Laibs „Reismahlzeiten“ kein Kunstwerk mehr. Ein Belegexemplar vielmehr. Keine Skulptur, eine goldige Musterprobe.

Schon immer haben Künstler Gold benutzt. Das Thema durchzieht mit seinen Goldadern die letzten hundert Jahre: Jugendstil (man denke nur an die Mathildenhöhe in Darmstadt), die goldenen zwanziger Jahre, goldener Westen und das Gold der Reklame – Gold war stets ein Alltagsgut. Trotzdem, Tilman Osterwold, der Direktor des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart, findet, daß das Gold in den letzten vier Jahren noch intensiver glänzt als zuvor. Ist es also Zeichen einer Lebenseuphorie? Signatur einer Zeit, die auf schönen Schein setzt, weil sie keine Utopien mehr hat? In der das Goldfieber Maler und Bildhauer zu Schwarzkünstlern gemacht hat?

Die Vorstellung macht Sinn. Und auch das Publikum spielt seine Rolle. Nur wenige Schritte weit in der Ausstellung stehen wir vor einer Wechselstube, einer Gold-Ankaufsstelle von Guillaume Bijl. Gold, Zahngold, Münzen können wir hier gedachtermaßen abliefern, den Urstoff für das, was uns dann erwartet.

Und Erstaunliches ist entstanden. Goldene Pommes frites (von Stefan Bohnenberger) sehen wir, das goldene Nachtgewand vom alterschwachen Dali (photographiert von Helmut Newton), goldene Lippen (von Kounellis), goldene Nase (von Gerd Rohling) und ein goldenes Henkerseil (von Leo Copers).

Gold muß her, wenn keine Farbe mehr reicht. Gold paßt in die Kunst, wenn Bilder und Skulpturen zu Anlagevermögen werden. Andy Warhol dachte für Vermögensberater mit und legte frühen Zeichnungen Blattgold auf. Georg Ettl und Milan Kunc führen seine Goldgrundtechnik weiter, lassen Oblatenbilder, Zitate aus der Kunstgeschichte vor dem goldenen Grund schweben. Den schönsten Wunsch eines kunstsammelnden Anlegers erfüllte Thomas Lehnerer. Er baute aus gestempelten Reingoldbarren eine Stadt und setzte sie gesichert in ein Verlies unter dem Boden des Kunstvereins. Den Besuchern drückt er ein kleines Theaterfernglas in die Hand, mit dem sie in der Tiefe den Schatz bestaunen können. Goldjungen sind diese Goldkünstler.