Ein Essay von Fritz Stern

Von welcher Bedeutung und Tragweite die friedlichen Revolutionen des Jahres 1989 waren, erkannte man sofort. Doch zwei Jahre später schon scheint der Schwung unter den drückenden Problemen des Übergangs, des Aufbaus neuer Institutionen und dem Kampf gegen die wirtschaftliche Misere zusammengebrochen. Kommunistische Regime zu zähmen oder zu stürzen war ungemein beflügelnd; eine Marktwirtschaft zu etablieren samt einer liberalen Politik ist daran gemessen ungeheuer schwierig. Der gemeinsame Feind ist verschwunden oder wenigstens beinahe – und damit das verbindende Element. Für die Osteuropäer sind die täglichen Kämpfe und Entbehrungen, die neuen Konflikte und Streitereien entmutigend. Die westlichen Länder, einschließlich der Vereinigten Staaten, spendeten großzügig Lob, hielten sich mit Hilfe jedoch zurück. Und dennoch: Was in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei (und, auf andere Weise, in Ostdeutschland) geschehen ist, hat Größe, und trotz aller Unwägbarkeiten wissen wir, daß der Prozeß der Selbstbefreiung vom Kommunismuns unumkehrbar bleibt.

Das Jahr 1989 war ebenso wichtig für die Geschichte Europas wie 1914 und 1917 – denn es beendete die Epoche, die damals ihren Anfang nahm. Mit dem Ersten Weltkrieg begann eine Kette des Grauens, ausgelöst von den Nationalstaaten, die bis ins Äußerste führte. Zwei große ideologische Bewegungen, in diesem Krieg geboren, brachten den Staat in ihre Gewalt und begründeten damit die für unser Jahrhundert charakteristische Form der Tyrannei, den Totalitarismus. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, schufen Techniker immer neue Tötungsformen und immer neue Mittel, die Menschen zu täuschen. Brutales Töten erforderte einen brutalen oder zumindest einen narkotisierten Geist.

Im Jahr 1917 ergriffen die Bolschewiken in Rußland die Macht, was bedeutete, daß auch nach dem Ende der Kriege der Staaten ein Krieg der Klassen, ein Bürgerkrieg weitergehen würde. 1917 begannen Wilson und Lenin einen Zweikampf um Europas Geist und Seele. Die Vereinigten Staaten und der Bolschewismus betraten die Bühne der europäischen Politik ungefähr, zur selben Zeit; Deutschlands Macht hatte das eine provoziert und das andere gefördert. Nach 1945 standen sie einander über einem zertrümmerten Europa direkt gegenüber. Heute, da der Kommunismus zusammengebrochen und begraben ist,müssen die USA, scheinbar im Triumph, erkennen, daß sie selber immense Defizite verzeichnen, Defizite, die weit über das Materielle hinausgehen, daß sie ihre Macht und ihren Einfluß in und auf Europa verlieren. Der Aufstieg eines neuen, autonomen Europa scheint möglich.

Die Historiker werden die Ursachen dieser Revolutionen noch lange diskutieren. Wie befreiten sich die Völker Osteuropas von Strukturen und Kontrollen, die über so lange Zeit unerschütterlich erschienen? Wie in allen großen historischen Erhebungen werden wir auch hier das Zusammenwirken vieler Faktoren erkennen: Vor allem aber erlangte die kommunistische Herrschaft in Osteuropa nie eine volle Legitimation, und auch der Geist der Opposition war nie völlig unterdrückt.

In diesem Zusammenhang möchte ich das meiner Ansicht nach wesentlichste Thema der Revolutionsführer hervorheben: Václav Havels trotziges Beharren darauf, daß Männer und Frauen „in der Wahrheit“ leben müssen. Dies, glaube ich, hat alle osteuropäischen Opponenten in ihrem Kampf gegen die sowjetische Tyrannei beflügelt, und alle spürten, daß die Befreiung friedlich zu sein hatte – um Leben zu bewahren und die Spirale von Gewalt und Unwahrheit endlich zu zerbrechen.

Die intellektuellen Führer, viele davon ehemalige Dissidenten, die im Gefängnis gesessen hatten – weit häufiger wegen ihrer Worte als ihrer Taten (in jener Zeit waren Worte Taten) –, rebellierten gegen die aufgezwungene Verlogenheit. Nach Jahrzehnten dogmatischer Unwahrheit und Verzerrung verlangten sie Wahrheit, suchten sie Wahrheit, war für sie Wahrheit die Vorbedingung jeglichen politischen und moralischen Neuaufbaus.