Von Andreas Kilb

Jetzt, genau in diesem Augenblick, in einem Taxi in Paris zwischen vier und fünf Uhr nachts, dreht sich der schwarze Taxifahrer zu dem blinden Mädchen um, das auf der Rückbank des Wagens sitzt, und fragt: "Sagen Sie mir, welche Hautfarbe habe ich?" Und das Mädchen antwortet: "Was kümmert mich deine Hautfarbe? Für mich bedeuten Farben nichts. Ich fühle Farben." – "Sie hören meine Stimme, meinen Akzent", entgegnet der Taxifahrer, "sagen Sie mir, woher ich komme." – "Ich weiß nicht", beginnt das Mädchen, "aus Afrika, Kamerun vielleicht ... nein, Elfenbeinküste." Und der Taxifahrer, ein Mann von der Elfenbeinküste, staunt und schweigt.

Zur gleichen Zeit, vielleicht ein wenig später, entdeckt der römische Taxifahrer, der seinen Fahrgast, einen Priester, von der Piazza Quadrata im Stadtzentrum in die Vorstadt Tiburtino bringen sollte, daß der Mann auf dem Rücksitz gestorben ist. "Ich habe einen Bischof umgebracht!" ruft der Fahrer. "Wieviel Jahre kriegt man dafür? Jetzt komme ich wirklich in die Hölle." Er hält an, zieht den Toten aus seinem Auto, setzt ihn auf eine Bank nahe bei der alten Stadtmauer und drückt ihm die Augen zu. Doch die toten Augen schnappen immer wieder auf, so sehr der Fahrer sich auch bemüht. So opfert er in panischem Eifer seine eigene Sonnenbrille, um die Leiche zu tarnen, ehe er hastig das Weite sucht.

Zu dieser Stunde, nur ein wenig früher, begegnen sich an einer Kreuzung auf der Lower East Side von Manhattan ein Mann namens Helmut Grokenberger, der aus Dresden stammt und zum allererstenmal ein Taxi steuert, und ein Mann namens Yo-Yo, der gerade alle Taxifahrer verflucht hat, weil keiner ihn um diese Zeit nach Brooklyn fahren will. "Brookland?" fragt der Deutsche den Amerikaner. "Better you show me." In New York ist es 22.07 Uhr, als die Fahrt beginnt, und es vergehen keine zwei Minuten, bis Helmut und Yo-Yo die Plätze getauscht haben, weil der Taxi-Debütant aus Dresden nicht mit der Automatikschaltung des Wagens umgehen kann. "I pay the fare, but I drive", sagt der Schwarze. "Please drive careful", sagt der Weiße, "and don’t teil." "You didn’t even turn the meter on", bemerkt der Schwarze. Dann fahren sie los in die Nacht.

In Los Angeles aber hat die Nacht – diese Nacht, dieselbe – noch kaum begonnen, während sie in Helsinki – jetzt, hier, in diesem Augenblick – bereits zu Ende ist. In Los Angeles steht eine Frau vor ihrer hell erleuchteten Villa in Beverly Hills und begreift die Welt nicht mehr. In Helsinki sitzt ein Mann vor seinem dunklen Haus in der Vorstadt und versteht sein Leben nicht mehr. Da dämmert, grau und verhangen, der Morgen herauf.

Und während dies alles geschieht, während die Frau in Los Angeles, die beiden Männer in New York, die Blinde und der Schwarze in Paris, der Priester und sein Fahrer in Rom und der verzweifelte Mann in Helsinki noch unterwegs sind, vergehen im Kino zwei Stunden, die jetzt, genau in diesem Augenblick, zu Ende sind: jetzt oder nie.

Das größte aller Märchen, jenes, in dem alle anderen Märchen aufgehoben sind, ist das Märchen von der Zeit. Es handelt davon, wie das Mädchen Scheherazade dem Sultan Schahrirar tausendundeine Nacht lang Geschichten erzählt, damit er nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Tausend Nächte – und eine dazu: denn die tausend Nächte sind wie eine Nacht, und die eine Nacht ist zugleich in den tausend anderen enthalten, weil sie das Bild des Erzählens selbst ist. Der Sinn der Erzählung aber liegt darin, dafür zu sorgen, daß die eine Nacht niemals endet. Denn beide, der Erzähler wie der Zuhörende, wollen aus der Zeit entkommen in die Zeitlosigkeit.