Von Regina Schäfer

Das ungarische Szeged, in der Bundesrepublik bestenfalls als Stadt des gleichnamigen Gulaschs und vielleicht noch wegen der jüngst heftig beworbenen Salamimarke ein Begriff, liegt zehn Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Da es sich um die serbische Grenze handelt, steht es uns hier frei, uns nicht unmittelbar betroffen zu fühlen. Ich lebe seit September hier in Szeged und arbeite am Deutschen Lehrstuhl der hiesigen Universität.

In den letzten Tagen denke ich oft an einen Sommerabend in Bonn zurück, an dem ich Wein trank, den dunkelnden Rhein und das illuminierte Gästehaus auf dem Petersberg im Blick. Die designierten Lektoren und Lektorinnen für Osteuropa waren zum gemütlichen Teil des Vorbereitungsseminars geschritten. Wir tauschten die Adressen unserer Einsatzorte und planten begeistert künftige Ausflüge im Städtedreieck Pécs, Szeged und Osijek.

In diesem Winter beobachte ich von Szeged aus den Flüchtlingsstrom von Osijek nach Pécs. Im Fernsehen sehe ich das nahe Vukovar, das ich nun nicht mehr besuchen werde, und es sieht aus wie Dresden im Schwarzweiß der Dokumentaraufnahmen, nur sind es lebende Bilder hochmoderner Bürokomplexe und zerbombter Wohnsiedlungen in Farbe. Das eigentliche Menetekel ist die Geisterstadt von nebenan, die gestern noch exakt so aussah wie die, in der man lebt.

Ich lese wieder Freuds „Enttäuschung des Krieges“, wie damals während des Golfkriegs, und zermartere mir das Hirn, warum der Golfkrieg uns alle nachts wachhielt und eine unpolitische Schülergeneration auf die Straße trieb, während der Ausbruch einer Barbarei, die alles Dagewesene diesseits der Gaskammern in den Schatten zu stellen droht, nur noch für die Meldung nach home news, Mietrechtsnovelle und Kostensteigerung im Gesundheitswesen gut ist: Einer Lösung des Konflikts (!) auf Verhandlungsbasis seien noch immer Chancen einzuräumen. So heute gehört in heute. Der real existierende Krieg wird konsequent aus dem Bewußtsein gesprachregelt. Im Golfkrieg waren wir „betroffen“ bis hin zur Notwendigkeit eines Zusatzeintrags im Duden. Jetzt fehlen eindeutig identifizierbare große Aggressoren und kleine Opfer, fehlt vor allem die Hybris eines Weltpolizisten, die das Einnehmen eines Standpunkts herausfordernd erleichtert. Was auch diesmal nicht fehlt, ist eine historische Bringschuld der Deutschen gegenüber einer beteiligten Partei, aber darüber weiß man wenig. Es gibt nur fanatische Serben, fanatische Kroaten und unmäßig verwickelte Verhältnisse. Der Anspruch, die derzeit geläufige Quintessenz „Die spinnen doch alle total“ analytisch zu differenzieren, gerät derweil zur Zumutung.

Meine ungarischen Freunde befürchten, daß die zwanzigste Verletzung des ungarischen Luftraumes oder die zweite Bombe auf ungarisches Territorium der Geduld der bisher wohlberaten zurückhaltenden Regierung ein Ende bereiten könnte. Ungarn hat, gerade weil weite Teile des heutigen Nordjugoslawien einst ungarisches Gebiet waren, bei Gefahr der Unterstellung revanchistischer Ansprüche vitales Interesse an der Aufrechterhaltung der Defensive. Das serbische Fernsehen unterstellt solche Ansprüche gleichwohl und sendet allabendlich antiungarische Propaganda, denn die ungarische Regierung weigert sich aus guten Gründen, illegal über die Grenze geflohene Deserteure auszuliefern. Mein Freund bei der Polizei ruft mich nachts von einer Sonderschicht aus an, die er schieben muß, weil die bewaffneten Deserteure zunehmend Zwischenfälle verursachen. Meine Freundin am Lehrstuhl berichtet von ihrer Großmutter, die vielleicht ihren Heimatort bei Pees verlassen muß, wenn der Grenzstreifen zu Kroatien vorsorglich evakuiert wird. Aus Pees selbst höre ich von Hamsterkäufen und daß man auf gepackten Koffern sitze. Dort kann man am Stadtrand den Geschützdonner hören.