Von Jeffrey D. Sachs

WASHINGTON. – Es ist vielleicht naiv, zu glauben, daß die Bush-Administration und der amerikanische Kongreß aus ihrer Apathie gegenüber den revolutionären Veränderungen in Rußland wachgerüttelt werden könnten. In den vergangenen sechs Monaten hat die russische Föderation den Kommunismus über Bord geworfen, einen populären Präsidenten gewählt und – mitten im wirtschaftlichen Chaos – radikale Reformen angekündigt, die das erstaunlichste Wirtschaftsprogramm der Geschichte ausmachen dürften. Und wie reagierte Washington darauf? Ein paar Nahrungsmittellieferungen, ein wenig Aufschub für die Schuldentilgung und verschwommene Konzepte.

Nach Monaten der Untätigkeit kündigte die Regierung nun an, daß Washington den verbleibenden zwölf sowjetischen Republiken mit Lebensmitteln im Wert von 1,5 Milliarden Dollar unter die Arme greifen wird.

Ironischerweise ist die Gewährung westlicher Kredite an die Russen nicht an die Durchführung von Reformen geknüpft worden. Doch gerade sie wären nötig, um Hilfe sinnvoll zu gestalten. Die Vereinigten Staaten haben bisher nicht einmal versucht, sich mit den westlichen Verbündeten auf einen Plan für finanzielle Hilfe und Nahrungsmittellieferungen zu verständigen. Ein solcher wäre von entscheidender Bedeutung, wenn die dramatischen russischen Reformen und die russische Demokratie erfolgreich sein sollen.

Um den Mangel an jeglicher Gemeinsamkeit bei den Aktionen des Westens noch zu unterstreichen, machten sich die Vereinigten Staaten und andere westliche Regierungen jetzt daran, den sowjetischen Republiken Garantien für die Rückzahlung der Schulden in Höhe von 81 Milliarden Dollar abzuringen und darauf zu pochen, daß die Zinszahlungen fristgerecht erfolgen. Die sowjetischen Darlehen können – und sollten – langfristig zurückgezahlt werden.

Doch wenn die führenden Industrienationen auf einen Schuldendienst in den kommenden Monaten bestehen, beruht das auf einer geradezu grotesken Fehleinschätzung. Es wurde nicht einmal der Versuch gemacht, Rußlands derzeitige Möglichkeiten zur Schuldentilgung einzuschätzen. Diese sind im großen und ganzen gleich null. Und niemand war bereit, eine Notwendigkeit zu sehen für den erhöhten Einsatz von Kapital, um die Wirtschaftsreformen zu unterstützen.

Die folgenschwerste Unterlassung der Bush-Regierung war es jedoch, das Augenmerk der amerikanischen Öffentlichkeit bislang nicht auf die Entwicklung in Rußland zu lenken. Sie hat es versäumt, unser langfristiges Interesse an einem Erfolg der russischen demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen deutlich zu machen. Und indem er sich immer nur auf den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow konzentrierte, hat George Bush die vom russischen Präsidenten Boris Jelzin angeführte demokratische Revolution beinahe völlig ignoriert.