Von Carl D. Goerdeler

Frühling in Buenos Aires. Violette Blüten der Jakarandabäume schmücken die Stadt. Die Vögel piepen mit den Taschentelephonen der Sonnenanbeter um die Wette. Walkman ist out, Movicom ist in. Die mobilen Funkfernsprecher sind für den Geschäftsmann am Rio de la Plata so unverzichtbar wie modische Seidenkrawatten. Aufschwung in Argentinien.

„Wir wollen der Ersten Welt angehören!“ hat Präsident Carlos Menem verkündet. Und George Bush bestätigte es ihm erst kürzlich in Washington: „Wenn man bedenkt, wo Argentinien stand, als dieser Präsident sein Amt antrat, und wo es heute steht, ist deutlich, daß alles einfach die Geschichte eines enormen Erfolgs ist. Wir haben außerordentliches Vertrauen in die Zukunft Argentiniens mit Präsident Menem.“

Zweieinhalb Jahre ist Carlos Menem im Amt und soll sich in dieser kurzen Zeit vom Provinzplayboy zum Musterknaben gewandelt haben. Sind die Korruptionsaffären und Rauschgiftskandale aus seiner engsten Umgebung vergessen? Vier Wirtschaftsminister, ein Dutzend unwirksame Rezepte gegen Stagflation, Pleiten, Konkurse, Kündigungen; eine ganze Nation rutschte ab in die Armut – und nun alles eitel Sonnenschein? „Wir sind noch lange nicht über den Berg, aber wenigstens hat die Regierung nun den richtigen Weg eingeschlagen“, lautet das nüchterne Urteil der Wirtschaftsexperten.

Carlos Menem mußte sein Amt am 8. Juli 1989 vorzeitig antreten, weil sein Vorgänger Raul Alfonsín im Strudel des ökonomischen Chaos untergegangen war. Er mußte mit der Hypothek von neunzig Prozent monatlicher Geldentwertung fertig werden. Und das schaffte er zunächst nicht. Das erste Jahr der Menem-Regierung schien die Agonie Argentiniens nur zu verlängern. Eine tiefe Depression erfaßte Wirtschaft und Gesellschaft, Hungerrevolten und Plünderungen wurden aus den Provinzen gemeldet, das Heer der Arbeits- und Obdachlosen wuchs, die Armee setzte Gulaschkanonen zur Volksspeisung ein. Alle Rezepte hatten versagt, die Flucht in den Dollar war nicht aufzuhalten.

Doch dann erhielt der Wirtschaftsexperte Domingo Cavallo eine Chance, mit einer Roßkur die letzten ökonomischen Reserven zu mobilisieren. Bereits zur Jahreswende 1990/91 wurde der Austral im Kurs 10 000 zu 1 an den Dollar gebunden und die Zentralbank verpflichtet, gegen Kursabweichungen zu intervenieren. Argentiniens Währungsreserven wären schnell versiegt, wenn mit der Kurskopplung nicht zugleich eine Liberalisierung der Geldmärkte und des Bankenwesens verbunden worden wäre. Jeder durfte nun Devisen führen. Die Bürger faßten langsam Vertrauen, holten ihre privaten Dollars aus den Schubladen und führten sie ins Bankensystem zurück. Die Währungsspekulation verringerte sich, die Geldentwertung ging langsam zurück, eine Atempause trat ein.

Im März dieses Jahres hat Domingo Cavallo das Wirtschaftsministerium übernommen. „In Argentinien wucherte der Staatseinfluß, schrumpfte das Steueraufkommen, gleichzeitig wurde die Konkurrenz erschwert durch bürokratische Eingriffe, die, statt den Markt zu öffnen, zu immer neuen Verwerfungen führten. Als Folge davon haben wir heute ein Durcheinander von chaotischem Sozialismus und einem Kapitalismus ohne Konkurrenz – so ziemlich die schlimmste denkbare ökonomische Mischung“, diagnostiziert Cavallo in seinem Buch „Zurück zum Wachstum“, das derzeit als ökonomische Bibel, in Argentinien kursiert.