Von Wilfried Kratz

Angriff ist die beste Verteidigung, sagt sich der Daily Mirror und druckt auf seiner Titelseite unter immer größeren Schlagzeilen „exklusive“ Nachrichten – über sich selbst. „Maxwell-Firmen fehlen 526 Millionen Pfund“, heißt es zum Beispiel über einer Geschichte, die den Diebstahl verkündet, den der tote Verleger Robert Maxwell an von ihm geführten Unternehmen und deren Pensionskassen begangen hat. Unter dem Titel „Abgehört“ wird enthüllt, daß Maxwell Lauschgeräte in den Räumen seiner engsten Mitarbeiter hat anbringen lassen. Das Schwesterblatt Sunday Mirror berichtet „exklusiv“ aus einem Milieu, welches die sonntäglichen Boulevardzeitungen und ihre Leser so unwiderstehlich finden. Die Geschichte „Erst ins Bett und dann gefeuert“ beschreibt, wie Maxwell eine zwanzigjährige Sekretärin verführt und dann entlassen haben soll, weil sie ihn an sein Versprechen erinnert habe, sie für den Liebesdienst mit einer Wohnung und einem Auto zu entlohnen.

Dann ist wieder der Daily Mirror an der Reihe. „Das ist der Abhörer“ steht groß neben einem Bild des ehemaligen hohen Polizisten, der für den notorisch mißtrauischen „Medienzaren“ die Strippen gezogen hat. Und schließlich wird der Privatfriseur vorgestellt, welcher eigens von London nach Sardinien fliegen mußte, weil sich im stets pechschwarz gefärbten Kopfschmuck des eitlen Mannes graue Haare hervorgewagt hatten.

Der Mirror, Maxwells begehrteste Beute auf seiner Jagd nach publizistischer Macht, versucht nachzuholen, was er zu Lebzeiten seines Verlegers versäumt hat. Befreit von der beherrschenden Gegenwart des Tyrannen, will die Zeitung nun „alles“ über sein fürchterliches Wirken erzählen, als wolle sie sich von der Komplizenschaft reinigen. „Jetzt brauche ich ein gutes Bad“, beendet Joe Haines, der offizielle Biograph (und Hagiograph) Maxwells und Direktor des Verlages Mirror Group Newspapers (MGN), seine Mirror-Kolumne über die Aufdeckung des Skandals. Aber bisher präsentieren sich die Zeitungen mehr als die gutgläubigen, unschuldigen Opfer eines bösen Wolfs denn als die willigen Gehilfen eines Mannes, dessen unredliche und schließlich kriminelle Machenschaften zumindet zu ahnen waren.

Die Mirror-Journalisten sind nicht die einzigen, die große Schwierigkeiten haben, sich zu rechtfertigen. Der Skandal, der die Briten fesselt, hat eine große Zahl von Mitspielern, die nun ihr Haupt am liebsten vor Scham verhüllen würden. Der Leitartikler der Tageszeitung The Times befand sich nicht in der schlechtesten Gesellschaft, als er direkt nach dem Tode des „überlebensgroßen“ Mannes schrieb, Maxwell sei „der Typ des eingewanderten Freibeuters, den die britische Wirtschaft offenbar so nötig braucht“. Viele Nachrufe, nicht nur die in den Blättern der Mirror-Gruppe, steigerten sich in peinliche Lobpreisungen – so eindringlich und nachhaltig war offenbar die Faszination, welche von diesem Mann ausging.

Mit jeder neuen Enthüllung wird die Einschätzung Maxwells negativer. Jetzt ist er ein bombastischer Abenteurer, ein Lügner und Betrüger, der – das schlimmste Verbrechen – schließlich seinen Rentnern in die Tasche griff, um das Unvermeidliche aufzuhalten.

Das alte Maxwell-Bild ist zertrümmert. Das schäbige Ende zerstört das Renommee vieler, die mit ihm und von ihm gelebt haben. Da sind die sogenannten Champagner-Sozialisten, welche sich zu der Futterkrippe drängten, die Maxwell so generös mit anderer Leute Geld füllte. Peter Jay, einst Botschafter der Labour-Regierung in Washington, agierte drei Jahre lang bis 1989 für den Oberkommandierenden Maxwell als „Chef des Generalstabes“. Heute ist Jay wirtschaftspolitischer Berichterstatter der BBC. Die Labour Party fühlte sich Maxwell verpflichtet, da dieser, in den sechziger Jahren selbst einmal für sechs Jahre Unterhausabgeordneter der Partei, die Mirror-Blätter auf Linkskurs hielt. Aber auch drei konservative Kabinettsmitglieder, Lord Hävers, Lord Rippon und Peter Walker, ließen sich von Maxwell einfangen, schmückten für gutes Geld seine Vorstände und gaben ihm Reputation. Zwei ehemalige Generalstaatsanwälte, der erwähnte Lord Hävers und Lord Silkin, assoziierten sich mit Maxwell.