Von Gottfried Sello

Neugierige seien gewarnt. Manch einer, der nur eben mal kurz hineinhören wollte, ist für Stunden, Tage, Wochen abgetaucht in den unerschöpflichen Brunnen der Vergangenheit. Der Zauber ist unwiderstehlich, und kein Kraut ist gegen ihn gewachsen. Ein doppelter Zauber, doppelte Verführung vom geschriebenen und gesprochenen Wort. "Es sitzt das Kind an der Tiefe" und schäkert in mondheller Nacht mit den Gestirnen. Und wir, die wir hören, was dem jungen Joseph geschieht oder geschehen ist, werden in den Sog der Tiefe mitgerissen, dank der Stimme, die wir kennen, die wir das eine und das andere Mal gehört haben, diese Stimme, die es fertigbringt, den Text der Erzählung aus der Vergangenheit in das Präsens des Erzählens zurückzuübersetzen. Und nun lauschen wir der Erzählung und dem Erzähler, und ist kein Ende abzusehen ...

Wovon sonst ist die Rede als von "Joseph und seine Brüder", gelesen von Gert Westphal. Ein Wahnsinnsprojekt, das umfangreichste und zweitverschlingendste, was die Deutsche Grammophon in ihrer Literaturproduktion je auf den Markt gebracht hat. Eine Hörbuch-Edition, heißt das im Fachjargon, in vier Bänden, die der Buchausgabe entsprechen. Falls ein Leser/Hörer die vier Bände nicht zur Hand haben sollte, seien die Titel hier aufgeführt: "Die Geschichten Jaakobs", sechs Langspielkassetten mit siebeneinhalb Stunden Spieldauer; "Der junge Joseph", mit fünf Kassetten und sieben Stunden; "Joseph in Ägypten", sieben Kassetten und neuneinhalb Stunden; "Joseph der Ernährer", sieben Kassetten und zehn Stunden.

Zählt man alles zusammen, kommt man auf 25 Langspielkassetten und 34 Stunden Spiel- oder Hördauer. Unvorstellbare, rekordverdächtige Zahlen. Indessen Geduld – niemand wird das Hörbuch, die vier Hörbücher, in einem Zug von A bis Z anhören wollen und können. Es empfiehlt sich, die Taste Pause beim Recorder reichlich zu betätigen. Andrerseits, wem vor der Autobahn Hamburg-München graust, kommt mit den "Geschichten Jaakobs" bequem ans Ziel. Und mit dem Hörbuch im Recorder wird der längste Stau zur reinsten Kurzweil.

Was nun das 34-Stunden-Hörbuch betrifft: Es handelt sich um keine Neueinspielung, sondern um die unvergessene, vom Gold der Legende verklärte Lesung der Joseph-Tetralogie im NDR 1963/64, mit der Gert Westphal seine Karriere als "Vorleser der Nation" begonnen hat. Beim Wiederhören erweist sich der singuläre Rang des Vortragenden. Gert Westphal vermeidet es, die epische Erzählung zu dramatisieren. Die sprechenden Personen, etwa der kleine Benoni, der Löwe Rüben, der verschlagene Laban, haben zwar jeder eine eigene Tonlage, aber es wird kein Drama mit verteilten Rollen aufgeführt. Sondern es gibt zwischen dem Dichter und dem Sprecher des Textes eine bemerkenswerte und überaus glückliche Übereinstimmung, daß sie nämlich beide und jeder auf seine Art dem Wort, jedem einzelnen Adjektiv ein Höchstmaß an Bedeutung verleihen. Dieser auf Bedeutsamkeit insistierende Vortrag prädestiniert Gert Westphal zum Thomas-Mann-Interpreten, speziell für den Joseph-Roman. Daß der Text trotz der 34 Stunden Laufzeit gekürzt werden mußte, dürfte das außerordentliche Hörvergnügen nur geringfügig beeinträchtigen.

  • Thomas Mann:

Joseph und seine Brüder