Spazierengehen in Lüneburg

Rühmten wir hier nicht kürzlich, anläßlich der großen Tagung der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts in Wolfenbüttel, auf der u.a. das Problem der Landschaft zur hoffentlich fruchtvollen Debatte stand, rühmten wir hier also nicht, just in dieser Spalte, soeben noch die Freuden des Spazierengehens? Widmeten wir dieser allerharmlosesten menschlichen Tätigkeit nicht sogar eine ganzseitige Abschweifung eines gewissen Karl Gottlob Schelle? Und das wie stets in der verkaufsfördernden Absicht, unseren Lesern etwas Gutes zufügen zu wollen, etwas Schönes? Unsere Leser zu verwöhnen, das Verwöhnaroma unseres Blattes noch ein wenig zu intensivieren? Und wollten wir dabei nicht auch wieder, die Pflicht der Neigung zugesellend, Aufklärer sein, die Welt ein bißchen besser machen? Und was täte in dieser vom Wahn des Freizeitaktivismus zernichteten Natur – und also uns selber! – nötiger als ein kleines bißchen Spazierengehen? Doch das denkt man sich so als Redakteur unter Redakteuren, als Mensch unter Menschen. Die Obrigkeit sieht das anders, sah das jedenfalls anders. Leser Kurt Stegen aus Ludwigshafen belehrte uns. Auf Seite 361 (ff.) im zweiten Teil des Bandes VI. des „Neuen Vaterländischen Archivs des Königreichs Hannover“ fand er folgendes Edikt des Rates der Stadt Lüneburg vom 14. September 1702, das er uns zur Warnung freundlicherseits übermittelte: „Demnach wier Bürgermeistere und Raht der Stadt Lüneburg nicht ohne sonderbahren Mißfallen wahrnehmen und erfahren müssen, daß allerhand verdechtiges SPatzier-gehen sowoll des Abendts Späht, als auch des Nachts auf den Gaßen allhier unter Jungen und ledigen Manns und Weibes-Personen bevorab die Sonn- und Feüertage über einreiße, und in Schwange gehe, und einer von dem andern dazu verleitet, und verführet werde, worauß vielfältige Gottes gerechte Rache, über Stadt, und Landt ziehende Laster, Hurerey, Mord, und Todtschlag entstehen, wie denn der jüngst verwichenen Tagen bey dergleichen Begebenheit sich zugetragene, klägliche und bedaurliche Fall Stadtkundig ist, und an Tage lieget, man aber tragenden Obrigkeitlichen Amtswegen diesem Unwesen nachzusehen keines Weges gemeinet ist: Alß wirdt auch solches verdechtige SPatzier-gehen hiemit ernstlich ein für allemahl prohibiret, und verbohten, maßen zu nachdrücklicher Vollstreckung dieses Edicti, und Verbohts die hiesige Straßen, und Gaßen mit allem Fleiß visitiret, und die sich findende Uebertretere so fort zur Hafft gebracht, und mit empfindlicher, auch nach Befindung, öffentlicher Strafe andern zum Exempel und Abscheu ohnnachlessig angesehen werden sollen, wornach sich jeder zu richten, und für Schaden, und Ungelegenheit, zu hüten hat.“ In diesem Sinne dürfen, ja müssen wir unsere Leser bitten, verdächtiges Spazierengehen, welches sie bemerken sollten, sofort auf der nächsten Polizeidienststelle zu melden, und müssen nochmals betonen, daß wir besagte Texte, vor allem die Betrachtungen des Herrn K.G. Schelle, nur in bester Absicht und selbstverständlich nur zu Studienzwecken hier zum Abdruck gebracht haben.

Star – aber mit Zeugnis!

Ach, unsere Hochschulen! Und unsere Hochschulverfassung! Und erst die „Gremien“, in denen alle recht haben wollen, und wenn sie sich nicht einig werden, bleibt der Lehrstuhl eben leer. Einen neuen Professor zu finden ist nicht leicht, ihn zu berufen eine unendliche Geschichte. Alle wissen das, alle schicken sich in das Spielchen, manche resignieren. So wie an der Hochschule der Künste in Berlin, wo auf etlichen Lehrstühlen Designer fehlen – weil, wie jemand sagte, „die Kommissionen einfach nicht zustande kommen“, die sie finden und berufen könnten. Da kam aus einer der drei beteiligten Verwaltungen, von denen dann stets eine nicht mitspielen will, ein heißer Tip: Holen Sie sich doch einen von außen, es darf auch ein sehr berühmter sein! Und so fanden und gewannen die Designer den sehr berühmten Italiener Ettore Sottsass. Der war einmal ein ernster Industriedesigner (für Olivetti), dann wurde ein buntes Huhn aus ihm, das machte verrückte Möbel unter dem Namen Memphis. Aber: Er ist ein kluger Mann, der etwas lehren kann und es auch will. Nun aber trat wieder die Verwaltung auf und verlangte, weil es eben so verlangt wird, gewisse Dinge von dem weltberühmten Star: erstens den Nachweis über den Ausbildungsabschluß, zweitens die Geburtsurkunde, drittens die Bankverbindung, viertens eine Erklärung über andere berufliche Tätigkeiten, schließlich die Aufenthaltserlaubnis. Wetten, daß sie auch Picasso nur in ihre Hohe Schule gelassen hätten, wenn er sein Diplom vorgelegt hätte?

Gegendarstellung

Unrichtig ist, daß in diesem Jahr alle Weihnachtsfeiern ausfallen. Richtig ist vielmehr, daß auch in diesem Jahr alle Weihnachtsfeiern stattfinden.