Von Marion Gräfin Dönhoff

In der ehemaligen DDR hört man oft den Satz: "Das Geschehen in der DDR, insbesondere der Umgang mit der Stasi, kann nur von denen bewältigt werden, die in diesem System gelebt haben, nicht von den arroganten, besserwisserischen Wessis."

Bei der 14. Sitzung des Stadtforums in Berlin, das sich mit dem Thema "Alte und neue Stadt in einer Stadt" beschäftigte, wurde mir klar, wie berechtigt diese Feststellung ist und wie fehl am Platz unsere oft übereilige Schlußfolgerung: "Diese Ossis haben von nichts eine Ahnung." Daß sie sich mit unserer Lebensweise nicht auskennen, dient als einziger Beweis.

Da saßen bei der letzten Sitzung des Stadtforums in Ostberlin nacheinander drei erstklassige Experten auf dem Podium – einer stammte aus dem Osten, zwei aus dem Westen. Was sie referierten, machte mir zum erstenmal konkret deutlich, was man theoretisch längst weiß: wie total verschieden diese beiden Welten sind. Wahrscheinlich wären wir ebenso ratlos, verärgert und schließlich zur Resignation verdammt, wenn es uns in die östliche Welt verschlagen hätte.

Das Mosaik, zu dem diese drei Beobachter Steinchen für Steinchen fügten, ergab folgendes Bild: In der östlichen Gesellschaft hatte sich ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl herausgebildet, gab es mehr Selbsthilfe als im Westen – Wohnbezirksausschüsse, Hausgemeinschaftsgruppen der Volkssolidarität, die eine Art Gemeinwesen im Kommunalsystem bildeten. Vieles wurde gemeinsam gemacht: Ausbesserungen an den Wohnungen, oder gemeinsam verwaltet: Handwerkszeug; um vieles brauchten die Bürger sich nicht zu sorgen: Wohnungen, Kinderbetreuung, Gesundheit, Arbeit... Es gab ungezählte Clubs: Jugendclubs, Sportclubs, Frauengruppen.

Die intelligente, energische Sanierungsspezialistin Franziska Eichstädt-Bohling, die für Friedrichshain – ein Berliner Altbaugebiet – zuständig ist, sagt: "Die Jugendfreizeitgestaltung liegt seit der Wende brach; es gibt nur noch einen mickrigen Sportplatz, keine ‚Bolzplätze‘. Es fehlen altengerechte Wohnungen, Seniorenclubs sowie besondere Beratung und Umzugshilfe für alte Menschen."

Ein paar Zahlen, um eine Vorstellung von Friedrichshain zu bekommen: Das Mietshausviertel, das um 1900 entstanden ist, liegt etwa 3,5 Kilometer vom Alexanderplatz entfernt. Es gibt 6800 Wohnungen und 15 000 Quadratmeter Gewerbefläche. 24 Prozent der Haushalte haben ein Nettoeinkommen von weniger als 800 Mark, 35 Prozent haben zwischen 800 und 1500 Mark. Die Arbeitslosigkeit liegt über 15 Prozent. 13 Prozent der Altbauwohnungen haben Außen-WCs, 43 Prozent kein Bad und 75 Prozent werden noch mit Kohleöfen beheizt.