Der Zuruf „Sie Flasche, Sie!“ bedeutet Böses. Weiß der Himmel, warum man ausgerechnet einen so nützlichen, meist schönen – hier wahrscheinlich in leerem Zustand gemeinten – Gegenstand als Metapher für einen (sagt das Wörterbuch) „untauglichen, unsportlichen Menschen, Versager“ ausgesucht hat. Enthält die Flasche aber Wein, verdient sie erstens deswegen, zweitens wegen ihrer guten Figur Aufmerksamkeit.

Seit langem haben sich dafür ja gewisse Standardformen herausgebildet, Flaschen verschiedenen Volumens aus grünem (Mosel, Pfalz, Baden-Württemberg, Bordeaux), rotbraunem (Rheingau) oder klarem Glas (Rose). Mal wird der Bauch in zylindrischen Flaschen verdrängt (Bordeaux, Italiener), mal leichter gewölbt (in der Schlegelflasche der meisten deutschen Weine), mal kräftiger (Burgunder, Champagner). Die Franken (und zu ihrem Leid auch noch andere Weinbauern) fallen mit ihrem Bocksbeutel auf, die Elsässer mit ihrer Flöte, welche eine lange schlanke Schlegelflasche ist, und mancher Chianti steckt noch in der großen Beutelflasche (mit Korb). Lauter makellose, wohlproportionierte Flaschen.

Dennoch gibt es immer wieder Weinbauern, die sich damit nicht zufriedengeben, denen es auch nicht mehr genügt, mit besonders kapriziösen Etiketten für den feinen Inhalt zu werben, sondern die glauben, nur eine außergewöhnliche Flasche fördere die Erwartung eines außergewöhnlichen Inhalts.

Kurzum, die Designer wurden ins Weingut komplimentiert, und schon fliegen den Bauern die modernen Vokabeln um die Ohren. Wein, so hören sie, sei wie Parfüm „kein reines Gebrauchsgut“, sondern ein Genußmittel der höheren Art, sogar ein Luxusartikel (!), und das verlange nach „Aufmachung“, nach der rechten „optischen Anmutung“, einem „passenden Rahmen“, ja, nach einem „produktionsbezogenen Outfit“. Das hieße: jedem ehrgeizigen Weingutsbesitzer seine eigenen, auf den ersten Blick zu identifizierenden Flaschen, deren Bedeutung durch die dann auch höheren Preise bekräftigt würde.

Über allem irrlichtert noch eine andere Erscheinung der Verschönerungsbranche, sie heißt corporate identity und setzt nun geradezu voraus, daß ein ehrgeiziger Weingutsbesitzer seinen eigenen Weinkleiderschneider engagiert. Irgendwann kommt dann noch ein Gestaltungsfriseur und dreht den Flaschen Locken.

Dahinter steckt nun freilich weniger der Ehrgeiz, die Feinschmecker zu gewinnen, als eine „gehoben“. Käuferschicht anzusprechen“. Denn, so lesen wir in der Zeitschrift form: „Die Aufmachung entspricht dem heutigen Trend zu Design-Kollektionen“, die am Ende mehr die Sammler als die Genießer mobilmachen sollen, Leute, die die leeren Flaschen in Vitrinen, auf Regalen, Fensterbrettern postieren oder, wer weiß, sie zu Vasen, Kerzenständern, Lampen machen.

Natürlich, der Spott hüpft einem da behende von der Zunge. Aber wer fühlte denn nicht die berauschende Versuchung, schöne Gefäße, zum Beispiel besondere Weinflaschen, stehen zu lassen, als reine Formen und in meist angenehmen ruhigen Farben? Sind sie nicht auch Zeugnis einer Anstrengung, die, von der Qualitatsanstrengung für den Inhalt abgeleitet, nur ergänzend auf die Form übertragen worden ist, die also sogar dem ungeschriebenen Gesetz der Funktionalisten entspräche, demzufolge die Form sich an den Inhalt, aber eben auch: an seinen Anspruch, seine Bedeutung zu halten habe, um authentisch zu sein? Und wehe dem Weingutsbesitzer, der den Geschmack mit den Augen täuschen wollte!

Tröstlich, daß auch der Augenmensch beim Wein zuallererst ein Geschmacksmensch ist – wie kitschig das Etikett, wie gewöhnlich auch die Flasche. Zum Wohle denn!