Nachlese: Li Peng in Indien

Vordergründig blieb alles unverbindlich: ein bißchen Handel, ein bißchen Zusammenarbeit bei der Raumfahrt, die Wiedereröffnung der jeweiligen Generalkonsulate in Bombay und Schanghai. Für ein Treffen des chinesischen mit dem indischen Regierungschef, das als „historisch“ bezeichnet wurde, scheint das nicht gerade ein großartiges Ergebnis.

Sechs ganze Tage hatte sich Ministerpräsident Li Peng für seinen Staatsbesuch in Indien genommen, der ersten Visite eines chinesischen Regierungschefs seit 31 Jahren. Protokollarisch war dies die Antwort auf Rajiv Gandhis Staatsbesuch in Peking im Jahre 1988. Aber in Wahrheit liebäugeln die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt mit einem hochgesteckten Ziel: Gemeinsam wollen sie dem Vormachtstreben der verbleibenden Supermacht Amerika Einhalt gebieten. Der geplante Schulterschluß soll ein neues Machtzentrum in Asien entstehen lassen, an dem niemand mehr vorbei kann. „Wir wollen keine internationalen Oligarchien. Keinem Land darf es gestattet werden, die internationale Politik zu manipulieren oder egoistische Machtpolitik zu betreiben“, erklärten Li Peng und sein indischer Kollege P.V. Narasimha Rao zum Abschluß ihrer Gespräche.

Der Gedanke, gemeinsam das zu erreichen, was bisher allein nicht möglich war, nämlich den ersehnten Großmachtstatus, ist sowohl für China wie für Indien verlockend. Beide Staaten bekunden große Schwierigkeiten, mit den rasanten Veränderungen in der Welt Schritt zu halten; beide Staaten sind politisch in relative Bedeutungslosigkeit zurückgefallen, seitdem sie sich nicht mehr als Akteure des Kalten Krieges ins Spiel bringen können.

Doch ob ein Wiederaufleben der „2000jährigen Epoche der Freundschaft“, die Nehru und Zhou Enlai schon einmal, im Jahre 1954, beschlossen haben, eine wirkliche Chance hat, ist eher fraglich. Damals war es mit der Freundschaft bereits nach fünf Jahren vorbei. Die Narben des Grenzkriegs von 1962 sind – zumindest in Indien – noch immer nicht verheilt. Dreißig Jahre Mißtrauen lassen sich nicht über Nacht aus der Welt schaffen, auch nicht dreißig Jahre Rüstungswettlauf mit dem Rivalen, Atombombe eingeschlossen.

Der gemeinsame Traum Indiens und Chinas mag kühn und verlockend sein. Aber die Stolpersteine der Realität könnten schnell zu einem bösen Erwachen führen.

Vy.