Zu den größten Erfindungen dieses Jahrhunderts zählt ohne Frage die Psychotherapie für Tiere. Was könnte verdienstvoller sein, als sich um das beschädigte Gemüt der vierbeinigen oder gefiederten Freunde zu sorgen – all der Hunde mit Wasch- oder Kekszwang, des Hamsters, der sich tagelang unter der Couch verkriecht, der Katze, die mit der Absicht der Selbstverstümmelung in einen Teller heißer Suppe steigt?

Nun ist es ja so, daß die Psychotherapie immer unter einem Rechtfertigungsdruck steht, und zwar unter einem inneren und unter einem äußeren. Die beiden heben sich keineswegs auf. Frontstellungen sind die Folge. Nur die wenigsten einführenden Werke zur Psychotherapie trauen sich zu vermerken, daß auch die Gummiblase im Inneren eines Fußballs „Seele“ heißt.

Womit wir endlich bei der alten Frage sind: Wie ist das mit der Seele bei den Tieren? Wo für Gelehrte der Esoterik alles klar auf der Hand liegt, stellen andere heraus, daß Tiere von ihrem Stammhirn in eine Art dumpfen Existenzkäfig gesperrt seien. Soviel kann festgehalten werden: Methoden klassischer Wissensvermittlung sind bei Tieren entscheidend behindert. Tiere können nicht reden. Eventuell kommt eine nonverbale Gesprächstherapie in Frage, doch der Janovsche Urschrei verlangt einführende Worte ebensosehr wie die Kinetische Trancetherapie, von den vielen anderen Schulen ganz zu schweigen.

Daß in England solche Probleme aus der Tradition heraus eher angepackt werden, ist bekannt. Tatsächlich berichtet eine Londoner Zeitung, daß die Tiertherapie, die früher als Beschäftigung am Rande der Geisteskrankheit galt, nunmehr an Glaubwürdigkeit gewinnt. Der zuständige Verband, die „Association of Pet Behaviour Counsellors“, kann zwar erst eine Liste von zehn Mitgliedern vorweisen; deren Ergebnisse aber seien ermutigend.

Gwen Bailey, eine Therapeutin in Burford, Oxfordshire, hat typische Fälle vorzuweisen: den Labrador namens Whizzer, der zu ihr geschickt wurde, weil er angeblich einen Geburtstagskuchen aufgegessen hatte, die beiden Hirtenhunde Florrie und Oscar, die sie wegen Trennungsangst behandelt. Mit Sicherheit der interessanteste Klient ist jedoch der zehn Monate alte Spaniel Ziggy. Seine Besitzerin, Mrs. Samantha Bateman, beklagte sich, daß er zu dominant geworden sei – wenn man nur mit ihm spielen wolle, bisse er schon zu.

Welche neue Behandlungsmethode bietet nun die Psychotherapie für solche Problemhunde? Die Therapeutin versichert, Schläge hätten keinen Sinn, es gebe sanftere Wege, die Autorität wiederherzustellen. Sie brachte Mrs. Bateman daher zunächst bei, den Hund dann zu füttern, wenn sie es für richtig halte und nicht er. Anschließend mußte die Besitzerin lernen, auch einmal auf sein Frühstück und auf seine Leckerbissen zwischendurch zu verzichten. Sie durfte die Betteleien des Hundes nicht mehr beachten. Zuletzt mußte sie ihre wiedergewonnene Herrschaft bekräftigen, indem sie sich auf Ziggys Schlafplatz stellte.

Vielleicht mag man nun das Urteil überzogen finden, daß unter den Seelen, die die Tiertherapie behandelt, diejenige des Tieres die kleinste Rolle spielt. (Was auch die Frage belanglos macht, ob sie überhaupt existiert.) Jedenfalls könnte man behaupten, daß der Kontinent in diesem Bereich – trotz eindeutigen Vorsprungs des Vereinigten Königreichs – womöglich noch nichts wirklich Innovatives versäumt hat. Klemens Polatschek