Von Esther Knorr-Anders

Vom Fenster meines Hotels in Limburg blicke ich auf die tannengrüne Lahn, die von der achtbögigen, 1346 fertiggestellten grauen Steinbrücke überquert wird. Eine lauthals schnatternde, offenkundig versammlungsfreudige Entensippschaft hat in Ufernähe ihren Stammplatz. Dies leidige, Spektakel verursachende Federvieh wird mir abends noch nützlich sein. Vorerst verlockt die verwitterte Brücke zum Kennenlernen einer Stadt, die beinahe ausgelöscht worden wäre. Am 23. Dezember 1944 wurden die gefürchteten „Christbäume“ in den Nachthimmel gesetzt, um einen gezielten Bombenangriff vorzubereiten. Doch Wind erhob sich und trieb die Lichtsignale ab. So wurde, gewissermaßen als Weihnachtsgeschenk, ein Verwüstungsakt wie von Geisterhand vereitelt, und Limburgs mittelalterliche Bebauung einschließlich des St.-Georgs-Doms blieb unversehrt erhalten. Der gesamte Altstadtkomplex steht heute unter Denkmalschutz.

„Verlaufen Sie sich nicht“, werde ich gewarnt, als ich mich zum Streifzug auf den Weg mache. Ich lasse die Warnung außer acht, und das erweist sich als vorwitzig. Kurz darauf befinde ich mich in einem Labyrinth von kopfsteingepflasterten, schlauchartigen, sich kreuzenden, bergauf- und bergabführenden Gassen, die manchmal in einem Hof oder vor einer Mauer, aber auch auf weiten Plätzen enden, von denen wiederum Gassengewirr abzweigt. Wohin ich trete und blicke, stets bin ich von mehrgeschossigen, vorkragenden Fachwerkbauten eingekessselt. Viele Fassaden erstrahlen in blutroter Farbenpracht; verzierte Giebel, kunstvolle Schnitzereien verleiten zum Stehenbleiben. Da ich ohne Stadtplan unterwegs bin, präge ich mir Merkmale für den Rückweg ein. Am „Haus der sieben Laster“ in der Brückengasse grinsen grausliche Fratzen, am grauslichsten grinst die Freßsucht; leicht zu merken das hohe Hallenhaus aus dem 13. Jahrhundert in der Rütsche 5, das schier in die Gasse zu kippen scheint. Am Fischmarkt besticht das historische Rathaus, und in der St.-Anna-Kirche schillern Glasmalereien aus dem 14. Jahrhundert.

Ich bin im Haus Römer 2/4/6 verabredet und frage einen Passanten nach dem Weg. „Römer 2/4/6? Ist das was Biblisches?“ Ich antworte, daß es sich um ein Haus mit drei Eingängen handele, das älteste Fachwerkhaus Limburgs, einst Armenstift; wahrscheinlich hinge der Name mit der alten Handelsstraße zusammen. „Handelsstraße! Armenstift! Das muß ja ewig lange her sein. Kehren Sie zur Rütsche zurück, da steht so ’n verrückt renoviertes Haus, das könnte es sein.“ Und das ist es auch. Steil aufragend, das Holzwerk in leuchtendem „Limburger Rot“ gestrichen, strebt das mit unsäglicher Mühe restaurierte Schmuckstück den tiefhängenden Regenwolken zu. Sanierungsleiter Jürgen Ebel führt mich durch den Hallenbau aus dem Jahre 1289, der zukünftig der Erforschung der Fachwerkbau-Geschichte und speziellen Kulturveranstaltungen Heimstatt bieten soll. Schwere Balken stützen die Wände der etwa fünfzehn Meter hohen Eintrittshalle. Über eine Wendeltreppe ist die hölzerne Galerie zu erreichen. Proportional herrlich geformte Räume befinden sich in den oberen Stockwerken; die Fenster sind bleiverglast. Zweifellos ein Meisterwerk der Sanierung, denn oberstes Gebot war, das „Wesen des Hauses“ zu erhalten. Leider gehörte zum Wesen der Gotik, keine Klaviere zu kennen. Limburger Bürger, die ihre liebevoll renovierten Privathäuser beziehen wollten, mußten die Erfahrung machen, daß durch die Türen und über die Stiegen weder „Bechstein“ noch „Blüthner“ zu transportieren waren.

Zur Einstimmung auf den Dom betrete ich am späten Nachmittag das Diözesanmuseum. Die sakralen Kunstwerke sind in einem Raum geborgen, der ein begehbarer Tresor ist. Im Dunkel des Raumes leuchtet golden die Staurothek, ein byzantinischer Kreuzbehälter aus dem 10. Jahrhundert. Dieses weltberühmte Domschatzstück soll 1204 von Kreuzfahrern aus der Hagia Sophia in Konstantinopel entführt, und das heißt ja wohl gestohlen worden sein. Ein Petri-Stab-Reliquiar ist dem Jahr 988 zuzuschreiben. Meßkelche funkeln, den wunderbarsten Kelch schmücken unzählige Rubine.

Anschließend wandere ich über die bergansteigende, einsame Domstraße dem Wahrzeichen Limburgs entgegen. Auf schroffem Felsen, hoch über den Wassern der Lahn, erhebt sich das Gotteshaus in bezwingender Schönheit. Seit der Außenrenovierung 1973 tragen die Fassaden und die sieben Türme (eine Zahlensymbolik, die sich auf die himmlische Stadt Jerusalem bezieht) wieder die mittelalterlichen Originalfarben: Korallenrot und Weiß; 1991 wurde die Innenrenovierung vollendet.

Unsicher ist die Entstehungsgeschichte der Bergkirche; allgemein gilt Graf Konrad alias Kurzbold aus dem Geschlecht der Konradiner als Gründer der Stiftskirche Lintburk. Den Bau, den wir heute sehen, ließ vermutlich Heinrich von Nassau über der Vorgängerkirche errichten. 1235 fand die Einweihung statt. Der St.-Georgs-Dom ist der rheinischen Romanik verhaftet; Stilanregungen von den nordfranzösischen frühgotischen Bauten in Noyon, Laon, Tournai flossen ein. Das macht diesen Dom unbekannter Baumeister so einzigartig, ja exotisch. Beim Eintreten meint man, in einen maurischen Palast statt in eine christliche Kirche geraten zu sein. Schwerelos streben die Pfeiler in die Höhe. Die weitläufigen Emporen, die mit schwarzbesäulten Arkaden das Mittelschiff umziehen, betören. Man möchte sich nicht vom Fleck rühren.