Seit einiger Zeit ist die literarische Debatte eine Debatte über die Moral der Schriftsteller. Kann jemand, der ein Schwein ist, ein guter Künstler sein? In Deutschland ist die Frage nach der Meisterschaft des Künstlers entmoralisiert. Ruhm oder Rudern, das ist die Frage. Schuld an der Trennung von Kunst und Moral ist Goethe. Aber wenn die Seele verlumpt, dann verlumpt auch die Kunst. Der folgende Essay ist auch ein Beitrag zum gegenwärtigen Streit über die Kunst des Verrats und den Verrat der Kunst.

"Das Talent eines Menschen versöhnt uns oft mit der Fragwürdigkeit seines Charakters ... Niemals aber sind wir geneigt, uns durch die Vortrefflichkeit eines Menschen gegenüber seiner Talentlosigkeit milder stimmen zu lassen." Arthur Schnitzler

1. Als Schnitzler im Wien des untergehenden Kaiserreichs diesen Aphorismus niederschrieb, provozierte er das moralische Bewußtsein seiner Leser und reizte es gegen sich auf. Wir, die wir am Ende dieses desillusionierenden Jahrhunderts stehen und die schreibenden, bildenden und darstellenden Künstler, die ihr Talent an die finstersten Gangster und Ideologen verkauften, nach Hunderten oder Tausenden zählen, die wir Tag und Nacht aus den Antennen der erdumschwirrenden Satelliten von New York bis Tokio, von Bangkok bis Berlin das Hosianna der Bärenstarken, Steinreichen, welthistorisch Siegreichen vernehmen, wir nicken nur müde mit unserem Haupt und halten jeden für einen Träumer, der noch das Gegenteil glaubt.

Herrschende Meinung ist, daß zwischen dem Charakter des Künstlers, der Frau und Kinder im Elend zurückläßt, seine Kollegen verrät, seinen Verleger betrügt, seinen Nebenbuhler ersticht, rassistische Lehren verbreitet oder Massenmörder verherrlicht, und seinem schöpferischen Talent scharf unterschieden werden müsse, ja daß das eine mit dem andern nicht das geringste zu tun habe und daß es für den vorurteilsfreien Genuß eines Werks das beste wäre, man wüßte gar nichts, wie im berühmten Falle Shakespeares, von den biographischen Umständen seiner Entstehung.

Mit jenem Zynismus, der gerade in einem moralisierenden Volke blüht – denn was ist Zynismus anderes als das Vergnügen, an der Zwangsjacke einer im Grunde anerkannten Moral herumzubasteln und sich so zu erleichtern? –, wird der Charakter vom Talent getrennt, diesem untergeordnet und behauptet, man könne ein halber Mensch sein und dennoch ein ganzer Künstler, bald Schwein, bald Schmetterling.

Wer das konstatiert, der tut es, obschon sich bei jedem Wort, das er niederschreibt, die Nackenhaare sträuben? Der tut es, um seinem verletzten Rechtsgefühl freien Lauf zu lassen? Der tut es, weil er im Tiefsten glaubt, daß ein Mensch aus demselben Holz geschnitzt sein müsse wie seine Gedanken, daß die Welt auf dem Kopfe stehe und daß seit Sokrates, die einzige Moral, die ein Mensch predige, sein Lebenswandel sei?

Mitnichten! Wer überlebt, hat recht! Das ist die einzige Moral, die zählt. Aus der Nähe und mit Kälte betrachtet, gibt es keinen Grund, in dieser Welt Tapferkeit zu zeigen; sie bringt einem weder das Wohlleben noch das Nachleben. Die Toten werden nicht rehabilitiert, sie werden vergessen. Der Fenstersprung aus einem Hotel in New York oder der Strick im Londoner Exil bringt keine großen Kritiken.

Wer überlebt, hat recht. Die Künstler, nach einem Wort des Schauspielers Bernhard Minetti, der es wissen muß, von Beruf wandlungsfähig, dürfen mit besonderer Nachsicht rechnen. Alle, die mit den Nazis gemeinsame Sache machten, sind rehabilitiert. Es gehört zum guten Ton, sie an die Brust zu nehmen und ihnen ein paar folgenlose Worte der Selbstkritik zu entlocken, aber ihre Karrieren, skrupellos durch Republiken und Diktaturen hindurchgezogen, zeigten weniger Knicke als ein Lichtstrahl, der aus der Luft ins Wasser fällt. Hochgeehrt zu ihrem achtzigsten und neunzigsten Geburtstage, gefeiert von ihren Enkeln, mit dekorativen, zu dämonischen Schatten ausgebleichten Blutflecken auf Westen und Blusen, bevölkern sie Kunstzeitschriften und stehlen ihren toten Kollegen die Plätze in den Literatur- und Theaterlexika. Sie hatten ihnen ja schon die Plätze in den Dichterzirkeln, Kunstvereinen, Theaterensembles gestohlen, hatten sie eines Morgens nicht mehr gesehen, die Augen zugemacht und umbesetzt (mancher Wagner avancierte zu einem Faust; denn unter den Toten sind die Einäugigen König!). Jetzt rauben sie ihnen die Stühle am Tische der Erinnerung.

Außer den wenigen Emigranten, die überlebten und sich nach dem Krieg ins Gedächtnis zurückbrachten, die Ernst Deutsch und Fritz Kortner, sind sie vergessen und zahlen bis in alle Ewigkeit die Schmach, verachtet, getötet, hinausgeworfen worden zu sein. Aber die da zuschauten, in die Hände klatschten, schwiegen, die da weitermachten, die Zähne zusammenbissen, das Blutgeld kassierten, die auf Bällen tanzten, mit Gauleitern flirteten, vor Frontsoldaten sangen und Heil Hitler flüsterten – sie leben weiter, der Rauch ist vergangen, und sie nähren und mästen sich vom Verständnis der Nachgeborenen. Man erbarmt und erinnert sich ihrer freundlich und begräbt die Toten zum zweitenmal.

Die Erinnerung ist eine nachsichtige Institution. Sie läßt, wie die Sehkraft, nach. Das gilt nicht nur für den Faschismus, das gilt für alle Gesellschaften, aber es gilt vor allem für den Faschismus. Es hat weder dem Ruf des Poeten Gottfried Benn noch dem Weltruhm des Schauspielers Emil Jannings geschadet, daß sie sich mit Hitlers Schergen eingelassen haben. Pirandellos Name steht auf keinem moralischen Index, obschon er nach jenem "Marsch auf Rom" genannten Gemetzel einen ekelerregenden Brief an den Duce schrieb, um in die faschistische Partei aufgenommen zu werden.