Potsdam

Im Brandenburgischen, wo zuletzt 350 Jahre konfessionelle Toleranz und vierzig Jahre staatlich verordneter Atheismus herrschten, zankt man sich neuerdings wieder um eine religiöse Frage. Zumindest formal. Gegenstand des bereits Monate währenden Streites ist ein Plan des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport. Das Team von Ministerin Marianne Birthler (Bündnis 90) will sich nicht davon abbringen lassen, anstelle des vierzig Jahre lang heißersehnten „klassischen“ Religionsunterrichts für die Sekundarstufe ein alternatives Pflichtfach „Lebensgestaltung-Ethik-Religion“ einzuführen, was natürlich auf erheblichen Widerstand der beiden Landeskirchen stößt. Dabei haben die Mannen um Marianne Birthler gar nicht vor, Brandenburgs Schülern den religionskundlichen Unterricht zu verweigern. „Ohne Kenntnis der Kirchengeschichte ist kein Verständnis unserer Kultur möglich“, lautete vielmehr von Anfang an das Credo der Ministerin. Ihr Ministerium möchte das Fach aber aus seiner kirchlichen Besetztheit herauslösen und inhaltlich erweitern. Mit einer simplen Übernahme des westdeutschen Musters, das konfessionellen Religionsunterricht und parallel dazu Ethik als Wahlpflichtfächer vorsieht, wollten sich Potsdams Schuloberhäupter nicht zufriedengeben.

„Unser Ziel ist die Einführung eines überkonfessionellen Lehrfachs, das Sinnfragen des Lebens aufwirft und Wertediskussionen anregt“, beschreibt Jan Hofmann, Leiter der Grundsatzabteilung im Bildungsministerium, das Konzept. In einem Diskussionspapier des Ministeriums zum geplanten Unterrichtsfach heißt es, man wolle inhaltlich „auf die dringenden sozialen Probleme der Gegenwart, auf das Nebeneinander verschiedenster Kulturen, Lebensauffassungen und Lebensweisen, Weltanschauungen und Religionen in einer sich verändernden Welt“ reagieren. Mit der üblichen Trennung von Ethik/Religion sei jedoch „zwangsläufig die Trennung der Schülerinnen und Schüler nach ihrer Weltanschauung verbunden“.

Das scheinbar marginale Problem löste sofort ein großes Echo im Land aus. Auf den Schreibtischen des Bildungsministeriums stapelten sich die Zuschriften. Während sich die einen Eltern sorgen, daß religiöse Belange in der Schule wieder zu kurz kommen, fürchten die anderen, daß der roten Indoktrination nun die schwarze folgen wird. Das Spektrum der Meinungen reicht von Äußerungen wie „Frau Birthler, Sie als Christin haben uns verraten – warum lassen Sie keinen Religionsunterricht zu?“ bis „Wir wollen keine Religion, wir sind ein atheistisches Land!“

Flankenschutz erhielten die brandenburgischen Reformer auch aus den Alt-Bundesländern. „Die herrschende Konzeption eines konfessionellen Religionsunterrichts setzt voraus, daß tendenziell alle Schüler (und ihre Eltern) Christen sind“, befand der Bremer Religionsprofessor Jürgen Lott in der Frankfurter Rundschau. „Die in dieser Regelung unterstellte Identität von kirchlich-konfessionellem und gesellschaftlichem Bewußtsein ist eine Fiktion.“ In der Ex-DDR haben vierzig Jahre Atheismus ihre Spuren hinterlassen. Nur etwa jeder viere Ostdeutsche ist konfessionell gebunden, das Prinzip der Volkskirche funktioniert östlich der Elbe längst nicht mehr.

Zu inhaltlichen Diskussionen über das neue Fach ist es freilich zwischen Kirche und Landesregierung bislang nicht gekommen. Der öffentliche Diskurs glitt schnell ins Formale ab. Mit dem Angebot partieller Mitwirkung wollten sich die Kirchen keinesfalls abspeisen lassen. Als es gegen ihr Privileg Religionsunterricht ging, wurden Brandenburgs Kirchenvertreter schnell einig – und vorübergehend weltlich. Da Gottes Gesetze nicht mehr so recht greifen wollten, verschanzte sich der märkische Klerus beider Konfessionen hinter dem Grundgesetz, und dort biwakiert er heute noch. Laut Artikel 7, Absatz 3, so das formale Hauptargument der Kirchen, sei der Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach. Durch das Eingreifen des Bildungsministeriums würden „die weltanschauliche und religiöse Neutralität des Staates“ und „die Religionsmündigkeit“ der Bürger verletzt, referiert Pfarrer Martin Pietsch, Wortführer der katholischen Fraktion im Religionsunterrichtsdisput. Beide Konfessionen melden zudem Bedenken gegen den geplanten Pflichtcharakter des Faches an.

Die Birthler-Crew indes beruft sich auf den Paragraphen 141 des Grundgesetzes (die sogenannte „Bremer Klausel“), der den Artikel 7 (3) „in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand“, annulliert. Den eigenen Weg, den Bremen mit seinem „Religionskundlichen Unterricht“ ging, soll nach den Vorstellungen des Bildungsministeriums nun auch Brandenburg mit dem Modellfach „Lebensgestaltung-Ethik-Religion“ einschlagen. Die freien Kirchen und die jüdische Gemeinde akzeptieren das Konzept.