Vor zwei Monaten hat sich in der Millionenstadt Madrid eine menschliche Tragödie ereignet: Wie immer verlassen am Morgen dieses 17. Oktober die vierzig Jahre alte Maria Jesus Gonzales und ihre dreizehnjährige Tochter Irene die Wohnung in der Innenstadt. Wie stets will die Mutter ihre Tochter vor der Tür des Gymnasiums absetzen, bevor sie ihre Arbeit im Büro einer Madrider Polizeidienststelle beginnt. An diesem Morgen wird beiden Frauen die Fahrt in die Schule und zum Büro zum Verhängnis: Eine Autobombe, versteckt unter den geparkten Wagen montiert, zertrümmert das Fahrzeug von Mutter und Tochter. Aus dem Wrack werden beide schwerverletzt geborgen und in zwei Krankenhäuser der Madrider Innenstadt transportiert: Der Mutter werden der linke Fuß und die rechte Hand amputiert; die Tochter verliert bei dem Terroranschlag, zu dem sich die baskische Eta wenig später bekennt, beide Beine und drei Finger der linken Hand.

Seit jenem 17. Oktober werden die Fernsehbilder dieses Anschlags immer wieder in aller Deutlichkeit gezeigt: das angstvolle, verstörte Gesicht des auf der Straße liegenden Mädchens Irene, das plötzlich den blutüberströmten Kopf hebt, an sich herunterblickt und erschrocken wahrnimmt, daß es an diesem Morgen beide Beine verlor.

Zimperlich ist das spanische Fernsehen bei der Präsentation derartiger Todesfälle nie gewesen. Die Frage, inwieweit dies zu Lasten der unschuldigen Opfer ginge, trat dabei üblicherweise in den Hintergrund. Diesmal geht das Fernsehen sogar noch weiter, es begnügt sich nicht mit der Dokumentation des Anschlags. Immer wieder flimmern jene Bilder des Attentats über den Bildschirm, die allein den Schmerz der Opfer zeigen: die Tochter, das Blut, der lange, angstvolle Blick und dann die Beinstümpfe, wie sie sich in die Kamera heben.

Welche Reaktionen lösen diese Bilder bei denjenigen aus, die für den Mordanschlag verantwortlich sind? Lassen sich flüchtige Terroristen oder ihre bereits verurteilten Komplizen, die in spanischen Gefängnissen meist lange Haftstrafen absitzen, durch diese optische Anklage beeindrucken?

Seitdem zwei Dossiers von inhaftierten Eta-Terroristen an die Öffentlichkeit gelangten, ist diese Frage in Spanien besonders aktuell, denn die zu hohen Haftstrafen verurteilten Häftlinge Isidro Etxabe und Juan Antonio Urrutia wollen ihre Eta-Komplizen draußen zu einer Abkehr von der Gewalt veranlassen. "Sie richten über Kinder, die unschuldig sind", sagt der eine, der in einem Gefängnis der Provinz Alava eine lebenslange Strafe absitzt. "Sie säen Haß, wohin man blickt", sagt der andere. "Ich kann die Bilder der blutüberströmten Irene nicht vergessen", sagen sie und fordern die Kader der Eta auf, die Waffen endlich niederzulegen.

Die spanische Sicherheitspolizei kann inzwischen belegen, daß es sich bei diesen Reaktionen nicht um lancierte, gezielte Geständnisse handelt, die auf Hafterleichterungen spekulieren. Die Anwälte der inhaftierten etarras berichten, daß sich über die Hälfte der fast hundert Eta-Gefangenen mit der Kritik der beiden Wortführer solidarisieren. Also doch ein Zeichen der Besinnung und Umkehr bei den Tätern, von den Bildern des Fernsehens provoziert?

Noch steht die Antwort der Eta-Kader aus, das spanische Fernsehen allerdings gibt die Hoffnung auf Umkehr bei den Tätern nicht auf. Der Zuschauer am Bildschirm wird nicht nur Zeuge des Unglücks, sondern auch Zeuge des Wiedersehens von Mutter und Tochter. "Wie schön du bist, meine Irene", ruft die Mutter, als sie endlich in das Krankenzimmer der Tochter humpelt, von Schwestern gestützt. Und die Tochter, die niemals wieder Ballett- und Klavierunterricht nehmen kann, antwortet in brav gespielter Freude. "Hola, Mutter – wie habe ich mich nach dir gesehnt."

Ob auch diese Bilder ihre Wirkung erzielten? Erst als die Lampen im Krankenzimmer verlöschen, sind Mutter und Tochter allein. Ihren Schmerz und ihre Verbitterung, ja auch die Tränen hat niemand gesehen. Volker Mauersberger