Von Peter Schütt

Nie war der Frust größer als zur Weihnachtszeit. Mir ging es nicht anders als den meisten anderen Studenten-Genossen. Weihnachten war für uns ein Graus, ein verlogenes und reaktionäres Spektakel, Fest des faulen Friedens, der Heuchelei und des Konsumterrors. Wir Antiautoritären haßten in der Mördergrube unserer Herzen unsere Täterväter und ihren Wirtschaftswunderglauben, und niemals trat der Konflikt zwischen den Generationen und ihren Lebensauffassungen schmerzhafter zutage als während der weihnachtlichen Familienfesttage. 1966 – ich war inzwischen 27 Jahre alt geworden – fuhr ich am Tag des Heiligen Abends noch einmal zu meinen Eltern nach Haus ins Dorf an der Niederelbe, aber ich war diesmal entschlossen, den heuchlerischen Weihnachtsfrieden nicht mehr unwidersprochen hinzunehmen. Zur Überraschung meiner Eltern erklärte ich mich bereit, mich dem gemeinsamen Kirchgang der Familie und der Anverwandten anzuschließen, aber zu ihrer Verärgerung blieb ich am Kirchentor stehen. Ich zog einen Stapel Flugblätter unter dem Mantel hervor und begann sie mit zitternder Hand Stück um Stück an die herbeiströmenden Kirchenbesucher zu verteilen. Einen Augenblick später kam Pastor Voß, ein guter Bekannter unserer Familie, zu mir ans Portal und wies mich schulmeisterlich zurecht. Ich hatte mir die Freiheit eines Christenmenschen genommen, das Weihnachtevangelium bezogen auf den Vietnamkrieg zeitgemäß zu variieren. Die Weihnachtsglocken im Kirchturm über uns begannen Sturm zu läuten, und unser Herr Pastor las mit zornbebender Stimme, was auf meinem Flugblatt als gar nicht frohe Botschaft zu lesen war. Immer mehr aufgebrachte Gottesdienstbesucher kamen zu uns vors Tor und hörten neugierig zu.

„Es begab sich aber zu unserer Zeit, daß ein Gebot vom amerikanischen Präsidenten ausging, daß alle Welt vom Kommunismus gesäubert werde. Und diese Säuberung war keineswegs die erste und geschah zu der Zeit, als General Westmoreland Landpfleger in Indochina war. Und jedermann ging, daß er sich vom Kommunismus lossage, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auch auf Josef aus der Stadt Diems, die Saigon heißt, weil er aus dem Stamm der guten Demokraten war, damit er sich läutern ließ samt Maria, der ihm angetrauten Frau, die war schwanger. Als sie aber unterwegs waren auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Verbandszeug und legte ihn nieder in einem Unterstand aus Bambus, denn sonst gab es keinen Schutz vor den Bomben. Und es waren Soldaten in der Gegend auf dem Felde der Ehre, die hüteten des Nachts ihre Panzer. Und siehe, der Todesengel des Präsidenten trat zu ihnen, und das Feuer der Freiheit umleuchtete sie wie Napalm, und sie fürchteten sich sehr. Doch Westmoreland sprach zu ihnen: Fürchtet Euch nicht, seht, ich verkündige Euch große Freude, die allen Völkern widerfahren wird. Denn Euch ist heute ein Herr im Weißen Haus auserwählt, welcher heißt L. B. Johnson in der Stadt am Pentagon ...“

Pastor Voß las den Flugblatt-Text fast bis zu Ende, seine Sprache verstummte erst bei dem Schlußappell: „Spendet für die Opfer des Krieges in Vietnam!“ Endlich fand er das befreiende Wort: „Gotteslästerung!“ schrie er mich an. „Gotteslästerung!“ Die Gemeindemitglieder stimmten ihm lebhaft zu. Der Küster, eben vom Turm herunter gestiegen, eilte seinem bedrängten Pfarrherrn zu Hilfe. Er riß mir die restlichen Blätter aus der Hand, griff gezielt in meine Manteltasche und nahm mir die aus Hamburg mitgebrachte Sammelbüchse ab. Dann beförderte er mich, Hände auf den R. ücken gedreht, herunter vom Kirchengelände bis vor das Friedhofstor. Derweil begann die Gemeinde im Kirchenschiff das „Oh du fröhliche“ anzustimmen.

Meine Eltern kamen als letzte aus der Kirche. Sie hatten sich noch beim Pastor entschuldigen wollen. Mit mir sprachen sie dann kein Wort mehr. Alle weihnachtlichen Rituale vom Karpfenessen bis zum Kerzenanzünden und zur Bescherung wurden eingehalten, aber wortlos zelebriert, als hätten wir endgültig die gemeinsame Sprache verloren. Im Grunde genommen waren alle erleichtert, als ich, der verlorene Sohn, am anderen Morgen meinen Koffer packte und zurückfuhr in mein internationales Studentenheim in Hamburg. Dort feierte ich im Kreise der nicht nach Hause gereisten ausländischen Freunde ein ganz und gar undeutsches, von Familienstreitigkeiten und Kulturkonflikten unbeschwertes Weihnachtsfest.

Nach dem Ende der Weihnachtsferien mußte ich im Kreise meiner linken Mitstreiter allerdings Selbstkritik üben. Nach mehrstündiger Grundsatzdebatte über unser kulturrevolutionäres Konzept verwarfen wir einmütig die Einzeltätertheorie und -praxis und beschlossen, künftige Weihnachtsaktionen nur noch kollektiv durchzuführen. Außerdem sollte der Kampf um die revolutionäre Umgestaltung des Christfestes aus der Peripherie in die Metropolen hineingetragen werden.

Ein Jahr später bot sich für diese Strategie eine höchst willkommene Gelegenheit. Der Hamburger Theologenchef höchstpersönlich, Professor Thielicke, der in Unikreisen wegen seines Sportwagens allgemein „Gottes weißer Jaguar“ hieß, hatte am Vorabend des ersten Advents 1967 eine akademische Adventsandacht angekündigt. Wir forderten zum go-in, sit-in und fight-in in den Hamburger Michel auf. Der Ansturm war groß, Freund und Feind und viele Schaulustige strömten in Thielickes Amtskirche. Vor dem Eingang verkauften wir massenhaft das erste Heft unserer Eine-Marx-Reihe, die „Garstigen Weihnachtslieder“.