Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann, der sich stets um den Eindruck bemüht, daß er nichts und niemanden fürchtet, gestand überraschend Angst ein – vor dem „unsäglichen“ Jahr 1994. In jenem Jahr finden in der Bundesrepublik sage und schreibe dreizehn Wahlen statt: Die Politiker werben um Stimmen für die Sitze im Bundestag und im Europaparlament, und außerdem sind sie als Wahlkämpfer für sieben Landtags- und vier Kommunalwahlen gefordert. Am Ende des Dauerwahlkampf-Jahres, vermutet der Freidemokrat, „können die Bürger keinen Politiker mehr sehen“. Daß ausgerechnet der auf Selbstdarstellung bedachte Möllemann, der bis dahin längst zum Nachfolger von Otto Graf Lambsdorff als FDP-Vorsitzender avanciert sein möchte, aus dieser Erkenntnis persönlich Konsequenzen ziehen und in Wahlkampfzeiten Enthaltsamkeit üben wird, ist allerdings unwahrscheinlich.

Für die Regierungsarbeit hält der Wirtschaftsminister indes Schlußfolgerungen für unumgänglich. Weil 1994 alle Parteileute immer nur an das eine – an die Mehrung der Stimmen für ihre Partei – denken werden, müssen laut Möllemann wichtige Vorhaben der Regierung rechtzeitig vorher auf den Weg gebracht werden. Sogar der selbstbewußte Liberale hat Zweifel, daß im Wahljahr „alles gut ist, was gemacht wird“ – als ob diese Zweifel nur 1994 berechtigt seien.

Der bisher wichtigste oppositionelle Gegenspieler Möllemanns im Bundestag, der Sozialdemokrat Wolfgang Roth, ist bei der von SPD-Fraktionschef Hans-Ulrich Klose durchgesetzten Umstrukturierung der Fraktionsarbeit gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen. Nachdem er schon den Posten des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden verloren hatte, mußte er bei seiner Bewerbung um die Leitung der Fraktionsarbeitsgruppe Wirtschaft zunächst eine Niederlage einstecken: Die Arbeitsgruppe votierte mit acht zu sechs Stimmen gegen Roth für dessen Konkurrenten Uwe Jens. Bei der entscheidenden Abstimmung in der Gesamtfraktion über den Arbeitsgruppenvorsitz hatte Roth allerdings die Nase wieder vorn. Leicht wird es der SPD-Wirtschaftspolitiker künftig aber nicht haben. Er muß nämlich nicht nur mit einer Arbeitsgruppe zusammenarbeiten, die lieber einen anderen Vorsitzenden gehabt hätte, sondern auch noch neue Ansprüche aus der Fraktionsspitze verkraften: Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ingrid Matthäus-Maier, Kloses Wunschkandidatin in der neuen verkleinerten Fraktionsführung, hat laut Hans-Ulrich Klose zusätzlich zu ihrem bisherigen Arbeitsgebiet Finanzpolitik als „Aufgabenschwerpunkt“ auch „Währung, Währungsunion, Wirtschaft“.

Ohne Zwänge und Pflichten eines Amtes kann manch einer leichter reden, so auch der ehemalige langjährige Bonner Wirtschaftsstaatssekretär Otto Schlecht. Bei der Vorstellung des Buches „Mark für Markt, Mark für Macht“, in dem sich der Hamburger Staatsrat und ZEIT-Kolumnist Claus Noé mit den wirtschaftspolitischen Aspekten der deutschen Vereinigung kritisch auseinandersetzt, plauderte der frühere Spitzenbeamte aus dem Nähkästchen. Schlecht war zum Ende seiner Amtszeit im April 1991 in der ZEIT mit Äußerungen zu den damaligen Beratungen in der Regierungszentrale zitiert worden: „Jede Woche war Sitzung bei Kanzleramtsminister Seiters. Da erhielt man den Auftrag, die Erfolge des Beitritts und der Wirtschafts- und Währungsunion herauszustellen und das andere möglichst wenig darzustellen.“ Noé hat diese Äußerung in seinem Buch als Bestätigung für die Maxime der Informationspolitik der Bundesregierung gewertet, „nämlich Tatsachen sorgfältig auszuwählen, die für sich selbst sprechen“. Schlecht gab jetzt preis, daß er „damals wegen des ZEIT-Artikels im Kanzleramt zur Rede gestellt worden“ sei. Zugleich aber lieferte er eine Entschuldigung für die Einseitigkeit der regierungsamtlichen Darstellung: Es sei darum gegangen, „in dem schweren Umbruch den Menschen auch Mut zu machen“.

Der Ex-Staatssekretär, der Noe aus gemeinsamer Arbeit im Bonner Wirtschaftsministerium als „exzellenten Allroundökonomen“ schätzt, teilt zwar nicht das Fazit des Autors im Untertitel des Buches: „Die Republik hat sich übernommen“. Dennoch gab er Noé in vielen Punkten recht – auch bei der Aussage, die Debatte über die deutsche Währungsunion sei zu einem guten Teil „ein Lehrstück für eine Welt als Wille und Vorstellungen. Man irrt sich bequemer, wenn man sich der Aufklärung entzieht.“

Wilfried Herz