Geld allein, sagt der Volksmund, macht nicht glücklich. Aber es macht reich. Die Deutschen sind, selbst nach der Vereinigung, eines der reichsten Völker der Erde; reicher als die ehemals reichen Amerikaner, reicher als die einst beneideten Schweden, reich wie das Vorbild aller, die reich werden wollen, die Schweizer. Es ist nicht unangenehm, reich zu sein. Irgendwie merkt man es nicht. Die allmähliche Vermehrung der Möglichkeiten fällt weniger auf als ihre Verminderung.

Der Reiche ist keine sonderlich geschätzte Figur. Märchen und Mythen schildern ihn als verächtlich oder böse. Die Gebrüder Grimm erzählen vom lieben Gott, der als Bettler verkleidet die Hütte des Armen besucht und dort mit einer kargen Suppe bewirtet wird. Gott zählt die Fettaugen und zahlt die Summe in Goldstücken. Als der reiche Nachbar davon hört, eilt er dem Bettler nach und bittet den zuvor Abgewiesenen in sein Haus. Die Suppe, die er ihm vorsetzt, ist so fett, daß Gott nur ein einziges großes Fettauge findet und also ein einziges Goldstück gibt.

Deutschland ist das Fettauge in der internationalen Suppe des Elends. Daß Gott uns nichts dafür gäbe, ist für die Gottlosen akzeptabel. Aber das Bild, das wir selber von uns haben, unterscheidet sich erheblich von jenem, das andere von uns haben. Wir halten uns für großzügig, wenn wir Lebensmittel nach Moskau schicken und für die abziehenden sowjetischen Soldaten Wohnungen finanzieren. Es genügt ja schon, daß es uns eine winzige Spur nicht mehr ganz so gut geht, weil die Brüder und Schwestern alimentiert werden müssen. Und das zutreffende Gefühl, überall stünden Leute mit geöffneten Händen, festigt den Griff um die eigene Brieftasche.

Als Kinder, aufgewachsen in Frankfurt, bewunderten wir die Amerikaner. Sie trugen schwarze Schuhe und weiße Socken, fuhren in riesigen Limousinen, die wie auf Samtpfoten daherkamen. Ihre Sprache klang, wie es in Joseph Roths „Hiob“ heißt, als zerkauten sie manche schmackhafte Speise mit gesegnetem Appetit. Zu Hause war Schmalhans Küchenmeister, und die bildungsbürgerlichen Eltern begannen, die Befreier als Besatzer zu empfinden. Weil sie reich und sorglos schienen, wurden ihnen Neid und Verachtung entgegengebracht. Die Amis konnten sich zwar alles leisten, aber sie wußten nichts von der Wirklichkeit. Je lauter sie lachten und je breiter sie über das Trottoir gingen, desto dümmer und gröber erschienen sie jenen, die gerade noch davongekommen waren. Die Amis hatten zwar Dollars, aber keine Kultur. Wohin die deutsche geführt hatte, entschwand rasch dem Gedächtnis.

Heute sind die Deutschen die Amis von damals. An fremden Küsten lachen sie laut, breit gehen sie in ihren weißen Socken und schwarzen Schuhen auf den Promenaden, und ihre Autos sind schneller als die alten Straßenkreuzer. Beliebt sind sie nicht. Reiche werden selten geliebt.

Wenn die alte Weisheit des alten Marx zutrifft: es sei nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimme, dann kann der Reichtum der Deutschen nicht folgenlos für das geistige Leben sein. Kapitalismus und Konsumismus sind hinreichend kritisiert worden und neuerdings der „DM-Nationalismus“. Aber das ist eine Kritik aus scheinbarer Distanz. Die Kritiker sind ja selber die Nutznießer des Reichtums. Was bedeutet es für die geistige Elite, für die Kultur eines Landes, wenn sie mitten im Fettauge sitzt?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Der Betrachter der Welt muß zugleich sich selber betrachten. Vorherrschend sind Krisentheorien. Sie behandeln die Krise der Ökologie, der Dritten Welt, der postindustriellen Gesellschaft. All diese Krisen gibt es. Aber das Denken, das darüber befindet, denkt aus dem Fett hinaus, anstatt das Fett bei sich selber zu finden.