Wenn sich Personalkarussells drehen, wenn um Posten geschachert wird, dann ist in aller Regel zuallererst von Politik die Rede. Die Kirche fällt uns da nicht gleich ein. Daß beispielsweise ein Bischof wie ein Parteichef von seinen ehemals Getreuen zum Rücktritt gedrängt oder gar öffentlich demontiert wird, scheint eher undenkbar. Und doch, was derzeit in der Diözese Augsburg geschieht, hat so manchen braven Katholiken in Bayerisch-Schwaben erschreckt. Und gipfelt in der Frage: Wie lange noch bleibt Deutschlands dienstältester Bischof, Josef Stimpfle, im Amt?

Nun wäre es nichts Besonderes, würde einmal mehr der eine oder andere Name von Kirchenmännern gehandelt, die tauglich schienen, einst auf dem Stuhl des heiligen Ulrich (er vertrieb 955 die Ungarn vom Augsburger Lechfeld) Platz zu nehmen. Denn die Nachfolge-Frage ihrer Oberhirten hat die Institution Kirche geregelt: Alle drei Jahre müssen Domkapitel und Bischof Listen mit mindestens drei möglichen Bischofskandidaten nach Rom schicken, können bayerische Bischöfe eigene Vorschläge dem Vatikan unterbreiten – eine ständige, wenn auch interne Kandidatenschau.

Nein, was viele Katholiken in Bayerns zweitgrößtem Bistum so erregt, ist, daß gewisse Kreise die Ablösung eines noch amtierenden Bischofs betreiben ohne Rücksicht auf Person und Ansehen. Sie betreiben die Ablösung, seit der Augsburger Oberhirte im März sein Rücktrittsangebot dem Vatikan übermittelt hat. Wo er doch selbst und wohl auch die breite Mehrheit in der Diözese angenommen haben, daß er die Tausendjahrfeier der Heiligsprechung von Bistumspatron Ulrich im Jahre 1993 noch in Amt und Würden erleben werde.

Aus der Deckung wird gegen Stimpfle agiert, nicht offen. Offenkundig jedoch wurde das Manöver durch eine schlagzeilenträchtige Photoaktion. Das Neue Forum Kirche, eine um mehr Geschwisterlichkeit in Kirche und Gesellschaft bemühte Initiative, hatte zum Vortrag des Tübinger Theologen Wolfgang Bartholomäus geladen: „Die Lust der Liebe und die Last der Kirche mit dem Zölibat“. Das Thema war für jene Gruppierungen, die wider jeglichen innerkirchlichen Pluralismus kämpfen und für eine streng traditionalistische Papst-Kirche eintreten, provozierend genug.

Aus Österreich reiste der Journalist Friedrich Engelmann von Bischof Kurt Krenns Hauszeitung Der 13. an. Im Stadtwerke-Saal, gerade einen Steinwurf vom Bischofshaus entfernt, photographierte er Zuhörer gegen deren Willen in Großaufnahme. Es kam zum Eklat, Polizei schritt ein und führte Engelmann ab. Tage später tauchten seine Filme wieder auf: ausgerechnet am Lehrstuhl der Augsburger Universität, den der Theologe und Kirchengeschichtler Walter Brandmüller innehat. Seine Kontakte zum vormals in Regensburg lehrenden Philosophie-Professor Krenn wiederum sind in Augsburger Kirchenkreisen ebenso ein offenes Geheimnis wie seine Ambitionen auf die Stimpfle-Nachfolge.

Das Forum fühlte sich an „Stasi-Methoden“ erinnert und vermutet nun die Photoaktion als Teil eines Intrigenspiels, mit dem aus der konservativen Ecke in Rom gezielt Druck gemacht werden soll. Tenor: Bischof Stimpfle sei viel zu liberal, sein Bistum links unterwandert, der Mann sei ablösungsbedürftig. Die Art und Weise, wie hier auf Umwegen höchste Eilbedürftigkeit einer päpstlichen Entscheidung suggeriert werde, ließ die Augsburger Allgemeine per Leitartikel nicht durchgehen: „Kaum je Greifbares. Man sagt nichts, man meint halt. Ein mieser Stil.“

Plakativ formuliert, der Augsburger Bischof als Paradoxon: den Linken zu rechts, den Rechten zu links. Die Progressiven reiben sich ob so großer angeblicher Liberalität verwundert die Augen. Bedauern sie doch längst, daß bei Stimpfle vom einstigen Konzilsgeist nicht viel geblieben sei. Im Gegenteil: Stimpfle scheint am Vordringen eines vor-konziliaren Kirchenbildes nicht unwesentlich beteiligt. Die Zulassung eines Traditionalisten-Seminars der Ex-Lefevbristen in dem Westallgäuer Ort Wigratzbad brachte ihm die Kritik einiger seiner Mitbrüder in der Deutschen Bischofskonferenz ein. Auch andere marianisch-fundamentalistische Bewegungen, in anderen Bistümern abgelehnt, haben ihren Platz im Schwäbischen gefunden.