Von Rudolf Walter Leonhardt

Hotelketten mag ich so wenig wie Supermärkte; ich erlaube mir, altmodisch zu sein, am liebsten in kleinen Privathotels abzusteigen und bei Tante Emma oder in einer Boutique einzukaufen.

Wenn Hotelketten schon sein müssen, weil sich en gros rationeller wirtschaften läßt als en detail, da sind diejenigen die besten, die ihren verantwortlichen Direktoren am jeweiligen Ort die größten Entscheidungsfreiheiten einräumen. Das gilt für die Oriental-Express- wie für die Kempinski-Hotels. Beide sind eigentlich nicht wirklich "Ketten". Das gilt in gleichem Maße, oder mehr noch, für die Häuser der Relais & Chäteaux – einen sehr losen Zusammenschluß von Hotels, in den ein Haus nur aufgenommen werden kann, wenn es strengen Anforderungen gerecht wird.

Die Zentrale in Paris dirigiert nicht. Sie beschränkt sich darauf: 1. die Qualität der Häuser zu definieren, die aufgenommen werden können; 2. sie auf eine Art von Motto festzulegen; 3. ein gemeinsames Reservierungssystem und gemeinsame Public Relations aufrechtzuerhalten; 4. mehr und mehr sich für gemeinsame Nachwuchsförderung zu interessieren; denn dem Fremdenverkehrsgewerbe, der weltweit die meisten Mitarbeiter beschäftigenden Industrie, mangelt es an nichts so sehr wie an Fachkräften; 5. alle Jahre wieder den schönsten Guide unter allen Hotelführern herauszugeben, der freilich dennoch manche Wünsche offenläßt.

Von Anfang an wurde der Begriff Relais & Chäteaux nicht so ganz wörtlich genommen. Der Verbund von Hotels und Restaurants, der sich törichterweise manchmal selber als "Kette" bezeichnet, ist 1975 entstanden aus dem Zusammenschluß der 1954 gegründeten Relais de Campagne, der Chäteaux-Hotels aus dem Jahre 1962 und den Relais Gourmands, die 1992 ihren zwanzigsten Geburtstag feiern. Dabei wurde auch Abteien, Herrenhäusern, Mühlen und alten Villen postalischer (relais) oder feudaler Charakter (château) zugestanden. Außerdem nahm man bald Abstand von der Regel, daß die jeweiligen Häuser von ihrem Eigentümer geleitet werden müßten. Seit Relais & Châteaux aufhören wollte, eine rein französische, und anfangen wollte, eine internationale Organisation zu werden, konnte das nicht abgehen ohne ein Aufweichen harter Prinzipien – was zum einen Teil vernünftig und zum anderen gefährlich ist.

Das Motto, das alle Relais & Chäteaux-Hotels beherrschen soll, wurde griffig formuliert in fünf französischen Wörtern, die mit c anfangen: caractere – courtoisie – calme – charme – cuisine. Bei der Internationalisierung machte das Englische, das für Gourmets ohnehin halb Französisch ist, kaum Schwierigkeiten: character – courtesy – calm – charm – cuisine.

Im Deutschen wurde das schwieriger – und die deutschen Relais & Châteaux stehen inzwischen mit 28 nach Frankreich (freilich in weitem Abstand) an zweiter Stelle. Da konnte kein Übersetzer helfen. Also verzichtete man weise und schrieb: Charakter – Höflichkeit – Ruhe – Charme – auserlesene Küche.