Moskau, Minsk, Kiew, Alma-Ata – wer kontrolliert die Atomwaffen der zerfallenden Weltmacht?

Von Christoph Bertram

Unter dem Firnis beruhigender Erklärungen wächst die Sorge. Michail Gorbatschow wie Boris Jelzin versichern ihren westlichen Gesprächspartnern immer wieder, die Kontrolle der Atomwaffen auf dem Territorium der einstigen Sowjetunion sei voll und ganz gewährleistet. Aber je rasanter die Institutionen der Union verfallen, desto unglaubwürdiger wird die Botschaft. Steht am Ende, wie der amerikanische Außenminister Baker vor seiner Abreise nach Moskau warnte, der früheren Weltmacht Sowjetunion ein schlimmeres Schicksal bevor als das, welches Jugoslawien seit dem Sommer durchleidet – ein Bürgerkrieg, gar mit Atomwaffen?

Rund 27 000 nukleare Sprengköpfe sind zur Zeit in dem einstigen Riesenreich einsatzbereit, noch einmal so viele könnten in Hunderten von Depots "auf Halde" lagern; die sowjetischen Militärs haben noch nie etwas weggeworfen. Und was vierzig Jahre lang durch die doppelte Disziplin von Abschreckung und zentraler Kontrolle Teil ost-westlicher Stabilität war, könnte zum Arsenal für Hunderte von Hiroshimas werden, zumindest zum Reservoir für die Weiterverbreitung der Bombe.

Kette von Befehl und Gehorsam

Die Kontrolle über das nukleare Arsenal schwindet durch den Verfall jener zentralen Instanzen, die zur Kontrolle fähig wären. Trotz der feierlichen Erklärung Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands, in ihrem neuen "Commonwealth" eine "einheitliche Befehlsgewalt über den gemeinsamen militärstrategischen Raum und die gemeinsame Kontrolle nuklearer Waffen" einzurichten, fehlt es an Institutionen, die an die Stelle des alten Zentrums treten könnten.

Das gilt vor allem für die physische Kontrolle der Atomwaffen und ihren Einsatz durch die militärische Führung. Zwar konnte bisher nur der Präsident die Ermächtigung zu einem Atomeinsatz erteilen. Aber nur die Armee entschied, ob er ausgeführt werde. Die Truppenkommandeure, die über die Trägerwaffen gebieten, und die Spezialeinheiten, die über die Sprengköpfe wachen, hörten auf das Kommando der Marschälle.