Von Claus Spahn

Eine solche Rekonstruktion, sagt die Operndirektorin, dauere meist länger als der ursprüngliche Bau selbst. In nur zwei Jahren (von 1781 bis 1783) ließ Franz Anton Graf von Nostitz-Rieneck ein (dann zunächst nach ihm benanntes) Theater für die Prager Bürger bauen – aber ganze acht Jahre lang haben jetzt die Restaurateure an der Wiederherstellung des klassizistischen Gebäudes gearbeitet, haben es mit einem Fundament unterfüttert und Interieur, Technik und Fassaden erneuert. Nun leuchtet das alte Prager Ständetheater wieder und wirkt in der Altstadt zwischen Wenzelsplatz und Altstädter Ring wie ein erlesenes Schmuckkästchen aus einer anderen Zeit. Alles ist bis ins Detail wiederhergestellt: der lindgrüne Anstrich und die gedrechselten Holzpfosten der Außenbalkone; das Blau der fünf Logen und Galerien im 600 Plätze kleinen Zuschauerraum und das Gold des Relief-Zierats; die schmale, aber tiefe Bühne und der Orchestergraben für knapp vierzig Musiker.

Aus jeder liebevoll restaurierten Verzierung spricht auch der Stolz Prags, in diesem Theater Mozart zu seinen größten Erfolgen verholfen zu haben. "Don Giovanni" und "La clemenza di Tito" wurden hier uraufgeführt; sein "Figaro" geriet zum beispiellosen Triumph. Das Theater war eben keine Hofoper, von der die Öffentlichkeit ausgeschlossen blieb, vielmehr agierte der Theaterpächter und Impresario (zu Mozarts Zeit Bondini und später Guardasoni) unabhängig von den Wünschen und Zensureingriffen der Hofgesellschaft. Die Eintrittspreise waren erschwinglich, zu den Besuchern gehörte bei weitem nicht nur der Adel. Im Prager Ständetheater – und nicht in der Habsburger Hauptstadt Wien – fand Mozart ein aufgeschlossenes Orchester und das fortschrittlichste Publikum. Dieser kleine, aber ewige Triumph war dem Staat jetzt – auch in Zeiten leerer Kassen – umgerechnet 45 Millionen Mark Baukosten für die Renovierung wert. Mit dem wiedereröffneten Ständetheater, dem prunkvollen Nationaltheater am Moldauufer und dem Smetana-Theater hat Prag heute – wie Berlin – drei traditionsreiche Opernspielstätten. Dennoch stecken die Bühnen in einer Krise. Der Sozialismus hat auch ihnen ein schwieriges Erbe hinterlassen. Damals waren die fünf großen Bühnen – das eigentliche Nationaltheater, das Smetana-Theater, der häßliche Neubau des Schauspiels Nova scena, die Laterna Magica und das jetzt rekonstruierte Ständetheater – als "Nationaltheater" zu einem gigantischen Verwaltungskomplex zusammengefaßt.

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Auszüge aus einem Gespräch mit Eva Herrmannová, einer Musikwissenschaftlerin und ehemaligen Kritikerin, die seit April neue Operndirektorin am Nationaltheater ist.

DIE ZEIT: Welche künstlerische Folgen hatte diese zentralistische Organisationsstruktur?

EVA HERRMANNOVÄ: Der Koloß war so schwerfällig, daß am Ende die Verwaltung alle künstlerischen Fragen dominiert hat. Die Reihenfolge der Premieren, Besetzungen, Proben – alles wurde nur noch vom Betrieb bestimmt. Außerdem sind die Ensembles, ähnlich wie in der ehemaligen DDR, durch die üblichen Verträge auf Lebenszeit überaltert.