Von Marcell von Donat

BRÜSSEL. – Die Zeit nach der Europäischen Gemeinschaft bricht an. Die 3300 Eurokraten verlassen ihren EG-Palast. Sie kehren dem Symbol von Jahrzehnten europäischer Harmonisierungsarbeit den Rücken, als ob sie nie alles daran gesetzt hätten, sich dort einen Stuhl zu erobern. Noch ehe die Flagge über dem Binnenmarkt ’92 gehißt werden kann, räumen sie das vielgeschmähte Berlaymont. Zurück lassen sie vor der Asbestruine einen Granitblock. In ihm ist der Name eingemeißelt, der zu dem Abenteuer den Anstoß gab, das zur Erfolgsgeschichte des Jahrhunderts werden sollte: Robert Schuman. Im Gegensatz zu anderen Denkmälern in diesen Tagen, droht ihm kein Abbruch. Grün überwuchert, hinter einer zugewachsenen Baumhecke vor den Blicken verborgen, wird man es einfach vergessen.

Natürlich arbeiten die Kommissionsdienststellen weiter, nun auf 47 Häuser verteilt. Die zentrale Macht scheint atomisiert, aber deshalb sind die Eurokraten nicht weniger bienenfleißig. Unbeschädigt hat die EG den Umbruch in Europa überstanden, während im Osten Reiche zerfielen. Jetzt soll sie sich ändern, zur Europäischen Union werden. Das gemeinsame Haus für die europäischen Völker wird umgebaut. In Maastricht wurde eine neue Hausordnung an die Tür genagelt: Die Etagenbewohner werden demnächst in eine Wohngemeinschaft umziehen.

Die Tage der Zwölfer-Gemeinschaft sind gezählt. Die unausgesprochene Vorsilbe „Westeuropäische Gemeinschaft empfinden die Mitglieder der EG fast als einen Vorwurf; auf ihre Gemeinschaft, die in vier Jahrzehnten zu einer Insel des Wohlstandes inmitten eines Meers wachsender Armut geworden ist, wagen sie nicht, stolz zu sein.

Unvergleichlich kritischer, als die Sechser-Gemeinschaft vor achtzehn Jahren der Erweiterung um neue Mitglieder entgegensah, bereitet sich die Zwölfer-Gemeinschaft nun auf 24 Mitgliedstaaten vor. In der neuen Gemeinschaft soll zusammenwachsen, was noch nie in der Geschichte zusammengehört hat. Das kommende Gebilde wird so heterogen sein, daß ein Zerfall wieder plausibel wird. Aber auch die Brüsseler Kassandra warnte vergebens. Ihr Ruf nach Vertiefung vor der Erweiterung ist von der Geschichte verschluckt worden. Nun müssen sich die Zwölf die Vertiefung und die Erweiterung gleichzeitig abringen. Unter diesem Einsatz haben sie keine Gewinnchance.

Vorerst bleiben der Binnenmarkt und seine Konsequenz, die einheitliche Währung, die vorrangige Aufgabe. Damit in 360 Tagen die Grenzen zwischen den Mitgliedstaaten aufgehoben werden können, müssen jedoch die Faulen noch fleißig werden. In den nationalen Parlamenten wartet ein ansehnlicher Stoß von Gesetzesvorlagen darauf, verabschiedet zu werden. Die Deutschen sind bei dieser Fleißarbeit beileibe keine Musterschüler. Weil sie bei der Umsetzung der EG-Richtlinien in nationales Recht säumiger sind als andere Staaten, droht dem Elternpaar Helmut Kohl und Rita Süssmuth ein blauer Brief.

Wenn in wenigen Jahren der grenzenlose Markt und das neue Geld zur Wirklichkeit geworden sind, hat die europäische Integration ihre historische Aufgabe erfüllt. Sie muß dann nur noch bewahrt und gepflegt, aber nicht mehr juristisch perfektioniert werden. Ein wenig Unordnung im Inneren hebt das Lebensgefühl. Der künftige Primat der Integrationspolitik wird im Außenbereich liegen. Für die gemeinsame Vertretung der Interessen nach außen und für die Sicherheit Europas steht die nächste Organverpflanzung von den zwölf oder mehr Hauptstädten auf die Zentrale an. Gelingt nach der Währungschirurgie auch diese Operation, entsteht der Körper eines Riesen. Verwundert werden die Europäer dann feststellen, daß sie sich fünfzig Jahre lang darüber gestritten haben, wie sie zur dritten Kraft werden könnten, um plötzlich als zweite Weltmacht dazustehen. Oder – werden sie sich gar fragen – warum sind wir mit 400 Millionen Menschen nur der Zweite auf dem Globus?