Von Hans Harald Bräutigam

Es ist erstaunlich: Über viele Krankheiten, die uns ein Leben lang plagen und schwer behindern können, deren Linderung obendrein gewaltige Summen verschlingt, ist in Forschungsberichten relativ wenig zu lesen. Von der Arteriosklerose bis zur Zuckerkrankheit reicht das Alphabet der chronischen Leiden. Je schwerer heilbar eine Erkrankung ist, desto mehr finden auch alternative Heilverfahren Anhänger, weil sich angesichts des Mißerfolges der medikamentösen Therapie Hoffnungslosigkeit und Resignation einstellen.

So ist es auch um die Volkskrankheit Rheuma recht still geworden, die – anders als Aids – keine sensationellen Berichte hergibt. Von rheumatischen Gelenkentzündungen hören wir vorwiegend dann, wenn Prominente daran erkrankt sind, beispielsweise der erste Herzverpflanzer Christiaan Barnard oder der Maler Paul Klee, der eine späte Zeichnung mit der Aufforderung „Durchhalten“ signiert hat. Von unseren Nachbarn hingegen, die sich schmerzgeplagt in den Behandlungszimmern der Ärzte drängeln, ist selten die Rede. Zyniker erklären das Desinteresse so: An Rheuma stirbt man nicht, an Rheuma wird gelitten. Oft jahrelang und bislang leider ohne Aussicht auf Heilung.

Von der rheumatischen Gelenkentzündung, der rheumatoiden Arthritis, so der Fachausdruck für die primär chronische Polyarthritis (pcP), sollte eine zweite, in den Krankheitszeichen sehr ähnliche Form namens reaktive Arthritis sorgfältig getrennt werden. Denn diese beiden Varianten unterscheiden sich deutlich durch die Pathogenese, die Entstehung des Gelenkleidens. Deshalb ist auch die Behandlung der reaktiven Arthritis anders und bislang erfolgreicher als jene der pcP. Welches der beiden Krankheitsbilder häufiger auftritt, ist kaum zu entscheiden, weil allzuoft alle Gelenkentzündungen unter dem weiten Begriff „Rheuma“ subsumiert werden.

Der Rheumatologe Henning Zeidler von der Medizinischen Hochschule in Hannover sieht in der sogenannten Persistenz verschiedener Erreger die zentrale Ursache für die Entstehung der reaktiven Arthritis. Die wichtigsten Auslöser sind vermutlich Mikroben wie Chlamydien oder Yersinien, die aus dem Genitalbereich (Chlamydien) oder dem Darm (Yersinien) stammen und sich in der Gt akinnenhaut, der Synovia, eingenistet haben. Von dort nimmt die Entzündung, die zu einer immer mächtiger wuchernden Synovialhaut führt, ihren Ausgang. Schließlich wird diese Membran so dick, daß sie die gesamte Gelenkhöhle ausfüllt und Bewegungen im Gelenk unmöglich werden.

Die Keime, die in die Synovia eingedrungen sind, vermehren sich nicht, sie „persistieren“ dort, überwintern gleichsam in den Knorpelzellen im Gelenk. Diese Form der reaktiven Arthritis ist einer langdauernden antibiotischen Behandlung, beispielsweise mit Doxycyclin, zugänglich.

Die Diagnose dieser Keime ist allerdings sehr aufwendig, denn die übliche Isolierung und Identifizierung im gefärbten Abstrich oder im Nährboden ist nicht möglich. Zeidler versucht es daher bei entsprechenden Symptomen, Gelenkschmerzen und anderen Entzündungszeichen mit der serologischen Diagnostik durch eine sehr empfindliche Antigen-Antikörper-Reaktion. Eine klinische Studie bei hundert Patienten mit negativen Rheumafaktoren, aber einem positiven Chlamydiennachweis steht kurz vor dem Abschluß. Henning Zeidler ist optimistisch, was den möglichen Therapieerfolg mit Antibiotika anbelangt. Er ist jedoch pessimistisch angesichts der ungenügenden Betreuung von Patienten mit Gelenkentzündungen, die in vielen Fällen fälschlich als Symptom einer rheumatischen Erkrankung diagnostiziert und behandelt werden.