Von Richard Schröder

Ein voreiliger Historiograph wollte im Ende des kommunistischen Weltsystems das Ende der Geschichte sehen, nämlich das Ende der Kriege und den Ausbruch des Friedens. Eher könnte man umgekehrt sagen: Wir erleben eine Wiederkehr der Geschichte. Wie die Archäologen die Grasnarbe entfernen und bloßlegen, was bisher verdeckt war, die Trümmer einer zerstörten Stadt und darunter die Fundamente der Stadtgründung, so scheint nun unter der gleichmacherischen Decke der sozialistischen Staatengemeinschaft hervorzukommen, was weit zurückliegt. In Jugoslawien tobt ein brutaler Bürgerkrieg entlang einer uralten Grenze, der zwischen dem lateinisch-katholischen Westrom und dem griechisch-orthodoxen Ostrom. Die Sowjetunion zerfällt, und es bildet sich ein Bund dreier Staaten, die sich zunächst als slawische Staaten bezeichnen. Dagegen protestieren sogleich andere ehemalige Sowjetrepubliken, die dem Bund beitreten wollen, aber keine slawischen Staaten sind.

Was wir in Ost- und Südosteuropa, aber auch in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken erleben, ist die Wiederkehr des Nationalen, und zwar gerade in dem Moment, da in Westeuropa die Einsicht an Boden gewinnt, daß das Zeitalter der Nationalstaaten zu Ende ist und wir auf ein vereintes Europa zugehen müssen.

Was kehrt da wieder? Das lateinische Wort natio meint etwas vergleichsweise Einfaches, sozusagen etwas Natürliches: Herkunft, Abstammung. In den mittelalterlichen Universitäten werden die Studenten nach nationes gegliedert. Sie gehören zwar alle zur universitas der Lehrenden und Lernenden, die ihre Rechte und Pflichten regelt, aber sie kommen aus verschiedenen Ländern Europas und haben verschiedene Muttersprachen. Natio ist hier der Name für etwas, das zwar Studentengruppen voneinander unterscheidet, aber jede dieser Gruppen verbindet und eine besondere Vertrautheit stiftet, die der Landsmannschaften. Natio ist hier etwas Vorrechtliches und Vorpolitisches.

Einen anderen Akzent bekommt das Wort Nation in den Auseinandersetzungen zwischen den Vertretungen der Stände (Parlamente) und der Krone im England des 17. Jahrhunderts und im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Gegen die Krone machen die Ständevertretungen die Rechte der Nation geltend. Nation meint jetzt einen politischen Körper oder das Staatsvolk. Damit verbindet sich der Gedanke der Souveränität der Nation oder der Volkssouveränität. Der Begriff ist bewußte Antithese zur Fürstensouveränität der absolutistischen Theorie. Nation wird ein staatsrechtlicher Begriff. Nun kann die Nation als etwas Erhabenes oder gar Heiliges verstanden werden, indem sie die Sakralität des Königs erbt.

Dadurch ergibt sich einerseits der Unterschied zwischen der Staats-Nation und der Kultur-Nation (F. Meinecke), andererseits das, was schon Herder den Nationalwahn nannte, der Nationalismus, mit seiner furchtbaren Steigerung im deutschen Nationalsozialismus. Im Nationalsozialismus besonders findet eine Entrechtlichung des Nationalbegriffs, genauer des Verständnisses von "Volk" statt durch einen Biologismus, der das Verhältnis der Völker oder der Rassen nach dem Muster eines Kampfes ums Dasein deutet.

Dem genau müssen wir entgegentreten. Es muß gelingen, das Nationale als etwas vorrechtlich Verbindendes gemeinsamer Herkunft zuzulassen, weil es Konsens erleichtert. Und Konsens ist eine knappe Ressource. Für unser Zusammenleben aber dürfen nicht Haarfarbe, Hautfarbe oder Herkunft, sondern allein die Rechte und Pflichten maßgeblich sein, die jedem Staatsbürger, also jedem Mitglied des Staatsvolkes, aber auch jedem Ausländer unter uns zukommen. Zu diesen Rechten muß auch das Recht nationaler Minderheiten auf die Pflege ihrer Nationalität gehören.