Von Michael Winter

Ein Jesuit! ’s gibt Jesuitenfleisch zu essen!" rufen vor dem Frühstück freudig die Wilden in Voltaires satirischem Roman "Candide" und umtanzen den Titelhelden, der gefesselt neben einem Topf liegt, in dem schon das Wasser brodelt. Mit dem Witz vom Jesuitenfrühstück konnte sich Voltaire des hämischen Gelächters aller Gebildeten und Mächtigen von Lissabon bis Rom sicher sein, egal welcher Weltanschauung sie anhingen. Hundert Jahre früher wäre er dafür verbrannt worden.

Tatsächlich "gefrühstückt" hat die Jesuiten vierzehn Jahre nach dem Erscheinen von Voltaires Roman kein südamerikanischer Indianerstamm, aufgeklärter Atheist oder spätreformatorischer Eiferer. Der Papst selber hat seine Elitetruppe und multiple Kampfeinheit von der Front gegen die Dissidenten und Ungläubigen zurückgepfiffen. In seinem Breve "Dominus ac Redemptor" vom 21. Juli 1773 löste Clemens XIV. den größten und erfolgreichsten Orden der katholischen Kirche in der Neuzeit mit folgender Begründung auf: Angehaucht, wie Wir vertrauen, von dem göttlichen Geist, durch die Pflicht getrieben, die Eintracht der Kirche zurückzuführen, überzeugt, daß die Gesellschaft Jesu den Nutzen nicht mehr leisten kann, zu dem sie gestiftet worden, und von anderen Gründen der Klugheit und Regierungsweisheit bewogen, die wir in unserem Gemüte verschlossen halten, heben Wir auf und vertilgen Wir die Gesellschaft Jesu, Ihre Ämter, Häuser und Institute.

Anstößige Maximen, Duldung heidnischer Gebräuche, Handelsgeschäfte und Aneignung großer Reichtümer – so hießen die Vorwürfe. Der Generalobere Lorenzo Ricci wurde verhaftet und in die Engelsburg gebracht, wo er zwei Jahre später starb. Voltaire entdeckte nun auch die guten Seiten seiner Todfeinde. 1777 feierte er in einem kurzen Bericht den Jesuitenstaat in Paraguay, in dem die Utopie des Thomas Morus als verwirklicht galt, als einen Sieg der Menschlichkeit im Vergleich zu den Greueln der spanischen Eroberung und bedauerte seinen Untergang. Es sei erstaunlich, schreibt der einstige Jesuitenfresser, der sich in Ferney selber einen Jesuitenpater für die Messe hielt, wie die ganze Welt sich plötzlich gegen den Orden erhoben habe.

Das Schicksal der Jesuiten, der Avantgarde der Gegenreformation, entschied sich nicht in Deutschland, sondern in Frankreich. Der Kampf gegen Luther und Calvin, die Schlachten des Dreißigjährigen Krieges, den angezettelt zu haben, ihre Gegner ihnen vorwarfen, blieben unentschieden. Erst als es nicht mehr um die Wahl zwischen zwei Bekenntnissen, sondern um die Alternative von Wissen und Glauben ging und die feindlichen Parteien nebeneinander auf der Anklagebank saßen, den französischen Aufklärern gegenüber, verloren die Jesuiten ihre Macht auch im eigenen Lager. Sie hätten, um in diesem Kampf anzutreten, die Grenzen der Orthodoxie, der sie sich wie keine andere kirchliche Organisation verschrieben, überschreiten und sich damit selber aufgeben müssen. Wo das in Einzelfällen geschah, gab es sofort europaweit Skandale, und die Empörung wuchs im eigenen Lager mehr als bei den Gegnern.

Mit Pascals "Provincial-Briefen" ("Les Provinciales", 1657), die noch aus dem Eifer des Glaubensstreits zwischen Jansenisten und Jesuiten entstanden, begann der Krieg der Intellektuellen gegen die Gesellschaft Jesu. Der Hauptvorwurf des Jansenisten Pascal, die Rechtfertigung des Mordes, ging auf den spanischen Jesuiten Juan de Mariana zurück, der 1599 in seiner Schrift "De Rege et Regis institutione", die protestantischen Fürsten im Visier, gedroht hatte, es sei "rechtmäßig, lobenswert und ruhmwürdig, sie zu töten, wenn sie das Volk unterdrücken und durch ihre Laster und Schlechtigkeit unerträglich sind".

Mit dem Vorwurf der Mordtheologie traten die Aufklärer und die Ideologen des absolutistischen Staates – aus unterschiedlichen Motiven – die Lawine gegen die Jesuiten los, die für die einen Symbol der römischen Orthodoxie und Hegemonie, für die anderen Symbol eines teuflischen Christentums überhaupt waren. Die Jesuiten waren gut für alle politischen und sittlichen Skandale, hinter denen das Schreckbild vom Reich des Bösen, das über Europa hing, gemalt wurde. Voltaire allerdings blieb kühl in diesem Feldzug. "Nicht eher wird Frieden auf Erden", schrieb er an Helvetius, "als bis der letzte Jesuit mit dem Gedärm des letzten Jansenisten erdrosselt ist."