Kiew, im Dezember

Benjamin Disraeli, der Führer der britischen Konservativen, malte sich einmal aus: "Die Liberalen beim Baden im Freien erwischen und sich heimlich mit ihren Kleidern davonmachen." Kaum jemand in der großen Politik hat diesen Streich perfekter in die Tat umgesetzt als Leonid Krawtschuk. Zehn Jahre lang versuchte er zunächst als Agitprop-, später Ideologiechef der Partei, die Sowjetunion vor dem "bürgerlichen Nationalismus" der Ukraine zu bewahren. Jetzt hat er der Union innerhalb von zehn Tagen das Ende bereitet.

Dazwischen lagen zwei Jahre, in denen Krawtschuk die Nationalbewegung Ruch erst mit offenem Visier bekämpfte und dann Stück für Stück ihr Programm übernahm. Doch des Kommunisten neue Kleider empfanden rund sechzig Prozent der ukrainischen Wähler am 1. Dezember nicht als Betrug. Und damit haben sie wohl auch recht gehabt.

Der 1934 im westukrainischen Rowno geborene Bauernsohn, der in Kiew Politökonomie studierte und seine Parteikarriere in der legendären Stadt des Dichters Paul Celan, dem alten, polyglotten Tschernowetz, begann, ist vielschichtiger und intellektueller, als seine gedrungene Gestalt und sein Ruf als Wendehals vermuten lassen. Und seine Wende vollzog sich denn doch etwas langsamer und differenzierter, als seine nationalen Gegenkandidaten im Wahlkampf glauben machten.

Als sich Ruch, die Dachorganisation der demokratisch-nationalen Bewegung, im September 1989 formierte, war Krawtschuk als Ideologiesekretär ihr offizieller Hauptopponent. Er nutzte diese Chance weidlich. Die Ideologie konnte er zwar nicht mehr retten, doch ihn selbst bauten die Duelle auf. Seine wendigen Reaktionen kamen bei der emotional aufgewühlten Bevölkerung an. Und die nationalen, populären Töne seiner Gegner färbten zugleich auf den karrierebewußten, instinktsicheren Apparatschik ab.

Doch seinen großen Sprung verdankt Krawtschuk – und mit ihm inzwischen die Mehrheit des ukrainischen Volkes – allein Michail Gorbatschow. Der holte noch im Juli 1990 nach Zarenart den gerade fünf Wochen vorher zum ukrainischen Parlamentspräsidenten gewählten Wladimir Iwaschko als stellvertretenden Parteichef nach Moskau. Die Ukraine reagierte mit bitterem Hohn. Sein Nachfolger Krawtschuk aber machte es schnell besser. Er vergaß seine alten Freund-Feinde von der Ruch nicht und holte sie in die Parlamentsausschüsse, obwohl das bei der damaligen Zweidrittelmehrheit von Partei und Apparat nicht notwendig gewesen wäre. So aber saßen sie alle bald am Runden Tisch (der freilich nie so genannt wurde), die Juchnowskij, Jemets, Jaworiwskij, Pawlitschko – heute die Creme der ukrainischen Parlamentarier. Auch zu Boris Jelzin knüpfte Krawtschuk damals sogleich Kontakte und unterzeichnete mit ihm schon im Juli 1990 den ersten Staatsvertrag. Weil er merkte, wie sich der Wind drehte, begann er selbst, mit Umsicht und Geschick auf die Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine hinzusteuern.

Daß er dennoch ein berechnender Taktiker blieb, zeigte sich während des August-Putsches. Da hielt er sich zwei Tage zurück, vereinbarte mit dem Putschisten-General Warennikow, daß in Kiew keine Panzer auffuhren – und verbot postwendend die KP, als Jelzin siegte. Doch statt seines von den exponierten Nationalisten erhofften Sturzes begann nun, vor dem Referendum über die Unabhängigkeit und den Wahlen, seine erfolgreichste Zeit. Er ließ sich von seinen Hauptrivalen, Tschornowil und Lukjanenko, den Helden des ukrainischen Freiheitskampfes und ehemaligen Häftlingen, nicht als Patriot überholen. Und er widerstand zugleich der Versuchung, sich zu antirussischen Tönen hinreißen zu lassen.