Von Elsemarie Maletzke

Nuneaton in Warwickshire ist eine Stadt, an der man gern vorüberfährt. Sie hat so gar nichts Herausragendes an sich, vielmehr führen viele breite Straßen direkt an ihr vorbei. Der IC aus London – eine Stunde, sechzehn Minuten – hält hier. Miss Lynn, die mit leichtem Wochenendgepäck ausgestiegen ist, tritt auf einen großen Bahnhofsvorplatz hinaus, der von massigen Gebäuden gesäumt ist, darunter eine Teppichfabrik und ein Getränkegroßhandel. Autogerecht bis zu den geteerten Vorgärten liegt Nuneaton wie ein Kranz weitläufiger Parkplätze um eine Fußgängerzone vor ihr. Unter Tudorgiebeln, die man bei der Modernisierung vergessen hat zu beseitigen, breiten sich Bausparkassen, Jeanspaläste und takeaways aus wie Erben im Salon alter Damen, deren Tod sie indiskret herbeisehnen.

Miss Lynn war durch ihre Lektüre auf die Schrecken der Provinz vorbereitet. Das Gegenteil hätte sie überrascht. Die englischen Midlands sind nicht sehr ereignisreich: Holunder und Heckenrosen, Wiesen, über denen eine alte Eiche präsidiert, aber auch „unser brauner Kanal ... das Echo aus den Steinbrüchen“, das Stampfen der Dampfmaschinen und der schwarze Staub aus den Kohlegruben. Miss Lynn ist gekommen, um George Eliot zu suchen, die hier vor 170 Jahren als Mary Ann Evans geboren wurde. Heute wie damals ist die Stadt alles andere als eine Attraktion.

Dessen ungeachtet, ist sie entschlossen, ein Reiseziel zu werden und von dem Besucherstrom, der sich ins benachbarte Shakespeare-Country ergießt, ein Bächlein abzuzweigen zur Bewässerung von George-Eliot-Country. Die Zielgruppe könnten einmal literarisch Interessierte sein, aber natürlich auch jeder andere, Zerstreuung suchende Mensch, denn wo stünde geschrieben, daß man die Romane einer Autorin gelesen haben muß, ehe man die Schauplätze besucht.

„Sie glauben doch nicht, daß die Touristen, die nach Stratford-upon-Avon fahren, irgend etwas von Shakespeare kennen“, sagt Mrs. Waule in der Hotel-Lobby recht schneidend zu Miss Lynn. Sie muß es schließlich wissen. Mrs. Waule, eine resche Dame, die sich selbst bei einem Feuerwerk bemerkbar machen würde, gehört zu einer Fraktion von Reiseveranstaltern, die zusammen mit einigen privaten Spurensuchern wie der älteren Miss Lynn ein „Erfahrungswochenende“ mit Lesung und Busfahrt durch George-Eliot-Country gebucht haben. Miss Lynn, die auf einem ersten Rundgang durch die Stadt recherchiert hat, daß es nur eine einzige Buchhandlung gibt, die nicht einmal eine Biographie der Schriftstellerin führt, besteht darauf, den Reiseveranstaltern diesen skandalösen Tatbestand mitzuteilen, wird von Mrs. Waule jedoch auf die unterschiedlichen Interessen hingewiesen. Sie, Mrs. Waule, sei ausschließlich hier, um Busparkplätze, Cafeterias und Toilettenanlagen im Rahmen einer George – Eliot – Packet – Tour auszukundschaften. Miss Lynn beschließt darauf hochmütig, Schweigen zu bewahren, wobei ihr das Bewußtsein überlegener literarischer Kenntnisse eine natürliche Stütze ist.

Die Einführung hat an diesem Nachmittag Mrs. Kathleen Adams übernommen, Vorsitzende der in Nuneaton tätigen George-Eliot-Fellowship, einem Fähnlein enthusiastischer Streiter für den Ruhm der großen Tochter. Wie die meisten Mitglieder ist auch Mrs. Adams schon etwas älter. Durch die Brille wirken ihre milden blauen Augen stark vergrößert und die gepuderten Wangen wie ein rosa Bienenpelz. In der rechten Hand hält Mrs. Adams die Henkel ihrer Tasche, in der linken ein Exemplar der „Scenes of Clerical Life“ von George Eliot – vor 130 Jahren in Nuneaton wenigen als die enorm gescheite Miss Evans bekannt. In London hatte sich damals gerade ein großes Gewisper um den Autor der „Scenes“ erhoben; wer sich hinter dem nom de plume verberge. In ihrer Heimatstadt fragen manche heute immer noch: George Eliot? Who is he?

Who is she? Sie war die Madonna des viktorianischen Literaturbetriebs und die erfolgreichste Autorin ihrer Zeit. „Adam Bede“, „Die Mühle am Floss“, „Middlemarch“ und vier weitere Romane hatten sie berühmt, reich und ein bißchen einsam gemacht. Hoch verehrt war sie, aber auch viel geschmäht, da sie es gewagt hatte, in wilder Ehe mit einem bereits verheirateten Mann zusammenzuleben: George Henry Lewes, der häßlichste Mann von London, aber offenbar auch einer der liebenswürdigsten, frechsten und geistvollsten. „To George I owe it“ – aus diesem Wörterklang soll ihr Pseudonym entstanden sein.