Von Haug von Kuenheim

Es fällt schwer, sich dem Charme von Wolf Jobst Siedler zu entziehen. Das war Anfang der sechziger so, als der Schreiber dieser Zeilen im Berliner Tagesspiegel volontierte. Der Chef des Feuilletons verstand bei der täglichen Konferenz mit ein paar hingeworfenen Bemerkungen die Runde zu fesseln, und er machte dem Anfänger die jährlich wiederkehrende Recherche: "Was verkaufen die Berliner Buchhändler zu Weihnachten?" aufs eindrücklichste schmackhaft. Und das ist heute noch so, wenn er eine seiner jüngsten Arbeiten auf die liebenswürdigste Weise zur gefälligen Lektüre empfiehlt.

Siedler ist ein Unterhalter von hohen Graden, und seine Bildung kommt leichtfüßig daher. Er läßt Namen purzeln, ob es sich nun um Schadow oder Schinkel handelt, um Friedrich oder Wilhelm, um Mies van der Rohe oder Scharoun, um Diepgen oder Daniels. Namen werden in Geschichte und Landschaft, in Städte und Bauten eingebettet.

"Friedersdorf? Was! Sagt Ihnen nichts?" – Der indignierte Blick trifft tief. – Sitz der Marwitz. Und war es nicht Johann Friedrich Adolf Marwitz, der dem großen Friedrich den Gehorsam versagte und lieber den Abschied nahm, als einen unehrenhaften Befehl auszuführen?

Vordergründig mag es scheinen, als ob Siedlers Thema die Historie sei und er Geschichte schreibt. In Wirklichkeit ist es die Gegenwart, die er beschreibt und die er an der Vergangenheit mißt. An der simplen Soljanka, die als sozialistische Errungenschaft die schlichte Linsen- oder Erbsensuppe in den Gasthöfen Brandenburgs und Sachsens abgelöst hat und dort wohl auch von der Speisekarte nicht mehr verschwinden wird, kann er auf die herrlichte Art die großen Veränderungen der Zeit ableiten.

"Abschied von Preußen" nennt er sein jüngstes Buch. Es geht um Berlin und die Mark Brandenburg. Melancholie mag ihn beim Schreiben begleitet haben. Aber Siedler ist ein Realist. Er hängt nicht Träumen nach. "Nur Träumer sehnen dieses Deutschland zurück", schreibt er. Dieses Deutschland, zu dem einst Ostpreußen, Schlesien und Teile Pommerns gehörten. "Vielleicht ist Preußen die Summe, die Deutschland zahlen mußte, um Europa zu versöhnen. Dann wäre der Abschied von Preußen ein hoher Preis für einen endlich gewonnenen Ausgleich. Aber ein beruhigtes Deutschland und ein besänftigtes Europa wären es wert, daß Preußen der Baustein der neuen Ordnung ist."

In diesem Buch zeigt Siedler wieder einmal seine Fähigkeit, sich in vergangene Zeiten zu versetzen. Aus Banalem, Alltäglichem, ja fast Nebensächlichem liest er das Zeittypische heraus. Und das alles wird auf einem hohen intellektuellen Niveau erzählt, nicht gewollt oder gequält, sondern in einer Sprache, die auf eine angenehme Weise gepflegt und kultiviert erscheint, in der böse und witzig polemisiert wird. Darüber hinaus ist man, wie gesagt, mit Siedler auch immer sehr gut unterhalten.