Gegenwartsbewältigung

Von Christoph Dieckmann

Kurz ist es her, da zogen sie zu Hunderttausenden durch die Berliner Karl-Marx-Allee. Die Maisonne beschien den kilometerlangen Menschenwurm. Aus Lautsprechern dröhnte martialisches Blech: „Die Partei, die Partei, die hat im-mer-recht.“ Und: „Hell aus dem dunklen Verga-hang-nen leuchtet die Zukunft hervor.“ Oben auf dem rot verhängten Gerüst strahlte der kleine Saarländer mit dem Strohhut. Er klatschte rhythmisch die Hände, und wenn sein Lieblingslied erscholl, sang er ausgelassen mit: „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!“ Als alles schon zusamenfiel: Er baute auf. Weitere Vervollkommnung hieß das.

Unten ging dauerndes Raunen durchs Volk: die dumpfe Erregung der Kleinen angesichts der Großen. Sie schwenkten Schilder und Tücher und zeigten ihren Kindern huckepack den lachenden alten Mann. Der lachte vier, fünf Stunden lang inmitten der grämlichen Greise. Dies war sein Jungborn; er wurde zu winken nicht müde. Sie winkten zurück, aber gleich hinter der Tribüne strömten sie auseinander, zu Bratwurst und Bier. Er da oben sah’s nicht mehr. Er glaubte sich geliebt, und sie da unten hatten keine Ahnung, wie bald sie ihn hassen durften.

Zwei Welten? Damals. Daß zwischen Honecker und uns nicht Welten lagen, daß wir im selben morschen Boot gesessen haben, ist für manche DDRler ein überraschendes Gefühl der Nach-Wendezeit. Sie griffen nicht ins Steuer, sie kommandierten nicht den Ruderschlag, aber viele paddelten mit. Gern hielt man die kleinen Sabotagen für Widerstand: Ich hab’s gesagt. Ich hab’s geschrieben. Zum Glück ist nichts passiert.

Freilich: Viele sind über Bord gesprungen; etliche wurden gestoßen und geschlagen. Aber sollen jetzt jene als Helden gelten, die sitzen blieben und sich brüsten, sie hätten nie Wasser aus dem lecken Schiffchen gepumpt? Schwer erträglich ist auch das Wort von den „armen Schweinen“, die an der Grenze „schießen mußten“. Die wirklich armen Schweine, die sind tot. Der Fußballverein des Mauerschützen Schmett wandte sich, vor Rechtsempfinden dampfend, ans Berliner Gericht: Wie lange der Zauber denn ginge? Man brauche den Schmett dringend für die Punktspiele. Und überhaupt: Schmett hatte Befehl!

Weder mußte man an die Grenze, noch mußte man dort morden. Der Dienst bei den Grenztruppen war, wenn einer zum Nachdenken kam, ein Dienst an der eigenen künftigen Karriere. Man konnte woanders Dienst tun oder Bausoldat werden. Viele gingen statt dessen ins Gefängnis und retteten ihre Seele. Persönlich zu haften ist auch ein Zeugnis von Respekt gegenüber den Angeklagten; das gilt ebenfalls für Erich Honecker. Was ihm vorgeworfen wird, teilt sich in zweierlei: falsche Politik und eigene Übeltaten. Das muß man trennen, obwohl es schwerfällt. Vermutlich alles, dessen man den Exstaatschef anklagte, würde der als Funktion politischen Handelns auslegen: Nicht schuldig also, weil es nicht strafbar ist, im Nachkriegseuropa den Vasallenstaat der sowjetischen Siegermacht regiert zu haben.