Michail Gorbatschow hat die Welt verändert, aber sein Reich nicht retten können

Von Theo Sommer

I.

Jahrzehntelang war es ziemlich aus der Mode gekommen, über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte nachzudenken. Was zählte, waren gesellschaftliche Kräfte und Strömungen. Der einzelne als Beweger galt nichts; eine ganze Generation auch der westlichen Intelligenzija sah im handelnden Individuum bloß die „Charaktermaske“. Aber nun, da sich in Moskau die Epoche des Michail Gorbatschow ihrem Ende zuneigt, grübeln allenthalben die Zeitgenossen: Gebührt ihm das Prädikat historischer Größe?

Nicht viele Staatsmänner in unserem Jahrhundert haben sich das Attribut „groß“ verdient. Bei einigen spiegelt die „Größe“ bloß die Dimension ihrer Schurkerei: Stalin und Hitler ragen in dieser Kategorie heraus. Manche waren groß im Beharren und im Widerstehen: Churchill, Roosevelt, de Gaulle, auch Tito wohl. Andere verrieten Größe im Neubeginnen: in Europa Adenauer, De Gasperi, Schuman, hinter ihnen Jean Monnet; in Asien Gandhi, hinter ihm Nehru. Lenin, Mao Tse-tung und Ho Tschi-minh gehören in den Rang der Großen, die Beweger waren, Beharrer und Neubeginner – zugleich aber Zerstörer, denn ihre brutale Praxis dementierte und demontierte den menschheitsbeglückenden Anspruch ihrer Ideen.

Was ist Größe? „Die Geschichte liebt es zuweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem darauf die Welt gehorcht“, sagt Jacob Burckhardt. „Diese großen Individuen sind die Koinzidenz des Allgemeinen und des Besonderen, des Verharrenden und der Bewegung in einer Persönlichkeit.“ Größe billigt der Basler Geschichtsphilosoph dem zu, „der rittlings über den Abgrund setzt“. Nietzsche wählt ein verwandtes Bild: Groß seien jene zu nennen, „die eine Art von Brücke über den wüsten Strom des Werdens bilden“.

Nach diesen Maßstäben verdient Michail Gorbatschow das Attribut „groß“. In sechs Jahren hat er die Welt so verändert, daß sie kaum noch wiederzuerkennen ist. Das Maß seines Gelingens läßt sich an diesem Wandel ablesen, den seine Politik bewirkt hat. Sein Scheitern hat dieser Erfolg jedoch nicht verhindern können. Die Welt hat auf ihn gehört, sein Land nicht. Der große Mann leitete den Strom der Weltgeschichte in eine neue Richtung. Am Ende jedoch, so scheint es, wird er zum Opfer der reißenden Unterströmungen, die er selber – ungewollt, aber unvermeidlich – freigesetzt hatte.