Lavater nicht, nee, muß nicht sein. Dabei haben die Zürcher ihrem Sohn (wie man so sagt) eine wirklich großzügige Ausstellung zum 250. Geburtstag gewidmet, in einem schönen alten Haus links der Limmat namens Strauhof, nicht weit vom Haus zur Reblaube, in dem er fünf Jahre lang wohnte und Goethe samt manch liebem Gast bewirtete. Sehr hübsch arrangiert alles, mit Phantasie und Bedacht: Lavaters Spazierstöcke, Lavaters Nachtmütze, Lavaters Sprüchlein, erst noch von ihm selber, gegen Ende seines Lebens dann von einer ganzen Lavater-Sprüchlein-Manufaktur auf kleine pastellfarben behauchte und verzierte Kärtchen geschrieben („Lerne von jedem, der kömmt, so erfreust du jeden, der geht“) – fein. Aber diese Physiognomik ... „Noch einmal“, schreibt der gute Ulrich Bräker, der kluge Ulrich Bräker an den Zürcher Gesichtszeichenlehrer, „noch einmal, mein bester Lavater, verzeihe mir. Ich bin Dir gut, von Herzen gut, und möchte Dich um viel nicht böse machen. Aber die Schädel sind mir grüsig und ’s wird mir übel.“

Genau.

Schon seine eigene Physiognomie (auf dem Gemälde Tischbeins): ein strichlippiger, geltungssüchtiger Frömmler, brunzeitel. Er selber sieht das natürlich nicht so, deutet den eigenen Schattenriß mit unnachahmlicher Selbstfreundlichkeit: ein „poetischer Charakter“, leichtgläubig allenfalls, allein – „alles bei ihm ist Intuition, und was einmal in sein Gemüt Eingang gefunden hat, entwischt ihm nimmer mehr“.

So hat er, Johann Caspar Lavater, geboren am 15. November 1741 in Zürich, gestorben am 2. Januar 1801 dortselbst, sein halbes Leben lang intuitiv menschliche Gesichter und Körper gedeutet, mal hoch subtil, mal etwas knapper: „Wie die Lippen, so der Charakter. Feste Lippen, fester Charakter. Weiche, schnell bewegliche Lippen, weicher, schnell beweglicher Charakter.“

Im ersten Stock zeigt die Ausstellung dann auch gleich gewisse Spät-Folgen solch praktischer Menschenerkenntnis: von der Schädelmessung, Schädelkunde à la Gall und später Lombroso bis hin zur Rassenlehre, bis hin zu Chamberlain und Rosenberg, zu Angriff und Stürmer. Rudolf Kassner tritt auch am Rande auf und der grüsige Ludwig Klages (ganz harmlos, versteht sich, liegt schließlich in Kilchberg neben Thomas Mann begraben) und der widerliche Ernst Jünger natürlich, vertreten mit einer Gesichtertafel, die den Belgier, Franzosen, Serben, Russen zeigt – „Typen unserer Gegner“, aus dem 1930 erschienenen Buch „Antlitz des Weltkrieges“. – Alles Erben Lavaters?

Immerhin, der Meister ahnte etwas. Zwar hatte er postuliert, häßliche, also hakennasige, unproportionierte, segelohrige, schmaläugige, klein- oder allzu großstirnige Menschen seien – summa summarum – sehr wahrscheinlich auch schlechte, unproportionierte, segelohrige und hakennasige Charaktere. Aber Pfarrer, der er war, gab er immerhin zu bedenken: „Auch dieser Krüppel, dieser Tor, dieser Zwerg, dieser Riese – sie alle zeugen der mannigfaltigen Huld und Weisheit dessen, der alles schafft zu seines Namens Preise. [...] Sie alle leben – und freuen sich des Lebens [...] und wehren sich gegen den, der’s ihnen rauben will.“ Wie tröstlich! Und weiter kommentiert er im vierten Band seiner „Physiognomischen Fragmente“ über „Schwache und törichte Menschen“ vor sich hin: „Ich stehe hier an einem Abgrund, wo ich keinen Schritt vorwagen darf.“

Ja: Abgründe tun sich auf, die Abgründe einer christlich inspirierten Aufklärung.