Von Marlies Menge

Klaus Lindballe ist sauer auf die Treuhand. Er will die Möbelwerke bei Neuruppin kaufen, aber inzwischen hat die Treuhand einem Holländer den Zuschlag gegeben, der hier Boote bauen will. Der aber, so mutmaßt Lindballe, ist vor allem auf die Immobilie scharf. Tatsächlich liegt die Ruppiner Möbelwerke GmbH idyllisch, mitten in märkischer Landschaft, direkt am Ruppiner See. Es ist nicht viel Phantasie nötig, sich die eher häßlichen Produktionshallen weg- und ein elegantes Hotel mit Bootsanlegestellen hinzudenken. Das meiste Land direkt am Wasser habe der Betrieb nur gepachtet, erklärt Lindballe, es gehöre einer Erbengemeinschaft.

Wir sitzen im Bürogebäude in einem winzigen Raum, der mit Möbeln aus eigener Produktion vollgestellt ist – darunter eine schwarze Schrankwand und weiße Regale. Das Fenster gibt den Blick auf den See frei. Klaus Lindballe ist ein typisches Kind der DDR. Er wurde in Neuruppin geboren, ist hier aufgewachsen, hat sein Abitur gemacht. Doch er bekam keinen Studienplatz, wurde deshalb Kfz-Schlosser und qualifizierte sich später zum Ingenieur. Für rund 900 Lehrlinge in den Neuruppiner Elektro-Physikalischen Werken war er Ausbilder. „Die Werke gibt es auch nicht mehr. Da schweben jetzt dreitausend bis viertausend Köpfe im luftleeren Raum rum.“ Weil seine Schwester 1974 im Westen blieb, war er „als Lehrausbilder politisch nicht mehr tragbar“ und wechselte als technischer Leiter zu den Ruppiner Möbelwerken mit nur hundert Mann Belegschaft, die für westliche Versandhäuser produzierten. Sie gehörten zum Möbelwerk Falkensee, das wiederum in das Möbelkombinat Berlin eingegliedert war. Als ein Jahr vor der Wende der bisherige Direktor nach einem Herzinfarkt ausschied, übernahm Lindballe seinen Posten.

Seit der Wende bemüht er sich, die Möbelwerke und damit die Arbeitsplätze zu retten. „Im Mai 1990 wurden wir eine GmbH, wurden aus dem Möbelkombinat entlassen, gehörten aber weiter zu Falkensee, waren also ökonomisch und juristisch nicht selbständig.“ Es gab den ersten Ärger mit der Treuhand. „Das Geld für unsere Lieferungen ging nach Falkensee. Wir sahen keinen Pfennig. Wir machten einen eigenen Laden in Neuruppin auf, verkauften selbst unsere Sachen. Aber wir hatten kein eigenes Konto. Keine Bank wollte unser Geld haben.“ Neunzehn Fernschreiben schickte er an die Treuhand, ohne eine Antwort zu bekommen. „Damals waren wir das erste Mal so gut wie tot. Unsere Leute streikten, weil sie selbständig sein wollten.“ Als Lindballe sich schließlich per Fernschreiben ans Bundeswirtschaftsministerium wandte, rief die Treuhand Berlin ihn noch am selben Tag an, Ende Juli bekam er sein Geld aus Falkensee rückwirkend bis Mai. Er konnte wieder Material kaufen.

Dann machte er sich auf die Suche nach einem westlichen Partner, fuhr nach Düsseldorf, zum Verbandsdirektor für Holz-, Industrie- und Kunststoffverarbeitung. „Die waren alle freundlich, aber sehr zurückhaltend.“ Schließlich stellte er bei der Treuhand einen Antrag, die Möbelwerke zu kaufen – „auf MBO-Basis – Management Buy Out –, also Übernahme durch das bisherige Management zu einem geringen Preis.“ Die Treuhand forderte ein Sanierungskonzept. Ein westdeutscher Verwandter Lindballes, wirtschaftskundig, half uneigennützig. Im Oktober 1990 war das Konzept fertig. Es garantierte 70 Arbeitsplätze, über drei Millionen Mark Investitionen, Umstellung auf neue Technik. Ein Wirtschaftsprüfer aus dem Ruhrgebiet überprüfte es und befand den Betrieb für sanierungswürdig. Von der Treuhand aber kam nie eine Reaktion.

In Ruppin baute man weiter Möbel, „die wir an frühere Abnehmer gut verkaufen konnten. Wir konnten westliche Betriebe um zehn Prozent unterbieten und haben 1990 mit einem Plus abgeschlossen.“ Das war nur möglich durch extrem niedrige Löhne. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, mußte neue Technik her. Über höhere Investitionen aber kann der Geschäftsführer nicht allein entscheiden, er braucht die Zustimmung des Gesellschafters. Das war inzwischen, so hatte Lindballe nach langem Hin und Her erfahren, die Treuhand Potsdam. Er versuchte vergeblich, mit ihr einig zu werden. Der Termin, zu dem die neue Technik zu günstigen Bedingungen hätte geliefert werden können, verstrich. Der Betrieb rutschte in die roten Zahlen, stellte die Produktion um auf den Ausbau von Läden und Büros und nähert sich jetzt langsam dem Punkt, an dem er wieder profitabel arbeitet.

Auch die Treuhand Potsdam verlangte ein Konzept. Sie gaben es im August dieses Jahres ab: 400 000 Mark Kaufsumme, garantiert vierzig Arbeitsplätze, 2,5 Millionen Mark Investitionen. Aber inzwischen war der neue Interessent da. Lindballe klingt bitter. „Die Treuhand ist, glaube ich, gar nicht daran interessiert, daß wir überleben, sondern nur am Verkauf der Immobilie. Das sind immerhin 33 000 Quadratmeter. Eine herrliche Immobilie – das ist unser Tod! Wir haben der Kommune gesagt: Wenn ihr was anderes damit vorhabt – bitte! Dann bauen wir unsere Hallen auf der grünen Wiese neu auf. Aber der finanzielle Verlust, der uns dadurch entsteht, muß ausgeglichen werden.“ Der Landrat von Neuruppin unterstützt die Möbelwerke bei den Querelen mit der Treuhand.