Gegen 18:30 h hatte ich mehr oder weniger meine Pillchen geschluckt, mein Bädchen genommen, mein Gesichtchen rasiert und mit After-shave’chen beträufelt und funkelte mehr oder weniger vor mich hin.

Gar nicht wahr. Aber ich befinde mich gerade auf Seite 193 eines südkalifornischen Krimis, den ich als Strafarbeit für meinen Zürcher Lieblingsverlag übersetze, insgesamt hat das Werk 215 Seiten, mithin sind, Augenblick, 89,302325 Prozent gelutscht, und man könnte es sich selbst überlassen, der Held funkelt mehr oder weniger vor sich hin, so gut wird es ihm auf dieser Seite nie wieder ergehen, gleich ruft er nämlich seine Freundin Mae an, ganz mechanisch, weil er vergessen hat, daß er sich mit ihr verkracht hat, und im Augenblick ist mir sein weiteres Geschick dermaßen sterbenswurscht, daß er von Glück sagen kann, wenn ich ihn nicht vermittels eines vergifteten Pitralons fünf Seiten lang siechen lasse. Das geht aber gar nicht, weil ich ja nicht der Autor, sondern nur der Übersetzer bin. So, wie einst Tucholsky seinem Verleger Ernst Rowohlt zurief: Macht unsre Bücher billiger, so möchte ich, der Übersetzer Harry Rowohlt, meinen Autoren zurufen: Macht eure Bücher spannender.

Und kürzer. Etwa 193 Seiten, meinetwegen auch 195. Aber 215 Seiten? Unmenschlich. Noch viel schlechter haben es die Dolmetscher. Neulich war in Berlin-Pankow eine Veranstaltung, „Tage irischer Literatur“, in der Grotewohl-Villa. Stünde diese Villa in Hamburg-Nienstedten, wäre sie ein Haus, aber da sie sich im Beitrittsgebiet befindet, ist sie natürlich eine Villa, schon wegen der Nirosta-Spüle. Und in dieser Villa lasen irische Dichter, und danach war Diskussion angesagt. Nach der Diskussion ging man um die Ecke ins „Tschaikowski-Eck“. Das Ganze fand mit Dolmetscherin statt. Die Dolmetscherin, Brigitte Schneider, sagte zu mir: „Kannst du dir vorstellen, was ich hier Abend für Abend durchmache?“

Aber ja. Zum Beispiel liest John MacGuffin einen Text, und zur Einleitung der Diskussion sagt er (und das müssen Sie sich jetzt vier bis fünf Wörter lang blockweise auf englisch vorstellen; gleich drauf wird’s – ungern – ins Deutsche übertragen. Die Übersetzungs- und Peinlichkeitspause deute ich durch ein # an. Sie lesen die gereinigte Version): „Daß ich mit meinen hochverehrten hier # versammelten irischen Dichter- und Schriftstellerkollegen politisch # nicht übereinstimme, dürfte als allgemein bekannt vorausgesetzt werden # können. Daß ich für ihr Recht, diese # ihre abweichende Meinung jederzeit äußern zu können, bis zu meinem # Tode kämpfen werde, ist ebenso # klar. Aber lassen Sie mich eins sagen. # Diese sogenannten Kollegen sind, und das möchte ich # in aller Deutlichkeit zum Ausdruck # bringen, nicht nur politisch, sondern auch literarisch (an dieser Stelle sagte ich zu meiner Begleitung: „Egal, wie der Satz endet –, ich werde klatschen“) und, und das möchte ich in aller Deutlichkeit hervorheben, etwas, was ich, besonders in Gegenwart von Damen, als nichts anderes bezeichnen kann als Wichser!“ – „Du kannst nicht mal das Wort Erin richtig aussprechen, du nimmt eine irische Dichterin das Stichwort auf, und Brigitte Schneider übersetzt. „Das liegt nur daran“, sagt John MacGuffin, „daß ich in Belfast aufgewachsen bin und nicht studiert habe, während du***...“ Brigitte Schneider übersetzt, und es geht im Tumult unter.

„Und das ist jeden Abend so“, sagt sie. „Während der Diskussion zerstreiten sie sich, und ich muß es übersetzen, und danach im ‚Tschaikowski-Eck‘ fangen sie nach fünfzehn Minuten an zu singen. Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los.“

„Stell dir vor“, sage ich während eines hellsichtigen Augenblicks, „sie wären Deutsche. Da würden sie sich während der Diskussion mustergültig betragen, und später, beim Saufen, würden sie sich die Stühle an die Backen hauen.“ „Auch wieder wahr“, sagt sie und faßt frischen Mut. „Ist dir aufgefallen, daß ich mich nicht als Übersetzerin, sondern als Dolmetscherin vorgestellt habe? Übersetzen ist nämlich Kunst.“

„Genau“, sage ich geschmeichelt. „Und dauert.“