Von Hans-Martin Lehmann

Über die französische Philosophin Simone Weil (1909 bis 1943) sind schon so viele Klischees in Umlauf gebracht worden, daß es keinen Sinn macht, ein weiteres zu erfinden. Also lassen wir das und begnügen uns statt dessen mit der Wiederholung des Urteils von Ria Endres (in der ZEIT vom 17. Oktober 1986), daß Simone Weil in keine jener Schubladen paßt, "in der sie dem Gedächtnis der Menschen erinnerungswert bleiben könnte".

Man muß diese Person und ihr Werk in Deutschland keineswegs entdecken, wie mit einer gewissen Hartnäckigkeit immer wieder behauptet wird. Weils späte religiöse Schriften wurden nach dem Krieg (wenn auch einseitig) tendenziös zugerichtet und alles andere als vollständig – was wiederum mit der französischen Editionslage zu tun hatte – der westdeutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In den siebziger Jahren erschienen dann, dank der energischen Initiative von Heinz Abosch, die im engeren Sinne politischen Schriften der Philosophin: "Unterdrückung und Freiheit" (1975), eine fulminante Auseinandersetzung mit Marx, welche kritische Motive enthält, die im Lichte jüngerer Entwicklungen an Kraft nur gewonnen haben, sowie das "Fabriktagebuch" (1978). Von einer bis heute weitgehend unbekannten Simone Weil kann mithin nicht die Rede sein, zumal in regelmäßigen Abständen seriöse Monographien, zuletzt die von Abosch (1990), publiziert werden, in denen das widerspruchsvolle und anstößige – in vielem auch wahrhaft abstoßende! – Denken der Französin hinreichend ausgeleuchtet wird.

Jetzt liegt, sorgfältig betreut von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, in deutscher Übersetzung der erste Band der "Cahiers" vor, die nach dem Urteil von Weil-Kennern das Kernstück ihres Gesamtwerks bilden. Wie fast alle Weilschen Schriften erschienen diese Hefte, achtzehn an der Zahl (ergänzt um das sogenannte "Londoner Notizbuch"), von ihrer Autorin ohnehin nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, erst posthum. Ihre Publikationsgeschichte in Frankreich ist reichlich kompliziert und hängt mit den schwierigen Lebensumständen der französischen Jüdin während ihrer letzten Jahre zusammen.

Im Juni 1940, unmittelbar vor dem Zusammenbruch der französischen Armee und dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris, verließ Simone Weil mit ihren Eltern die Hauptstadt in Richtung Marseille, wo sie einen großen Teil der folgenden zwei Jahre verbrachte. In Südfrankreich begann sie die regelmäßigen Aufzeichnungen in ihren "Cahiers", die sie durchgehend numerierte. Vorangegangen war diesen Notizheften bereits ein erstes Heft mit sehr viel bruchstückhafteren Notizen aus den Jahren 1933 bis 1940. Bis zum Sommer 1942 entstanden auf diese Weise insgesamt zehn Hefte. Im Sommer desselben Jahres gelang es der Philosophin nach einigen Mühen, eine Schiffspassage in die Vereinigten Staaten zu erhalten, von wo aus sie wiederum nach England zu kommen trachtete, um sich dort der gaullistischen Resistance-Organisation France libre anschließen zu können.

Hier beginnen die Komplikationen für die späteren Editoren des Weilschen Werks. Bevor sie am 14. Mai 1942 Marseille verließ, übergab Simone Weil ihrem Freund Gustave Thibon ein Paket mit den bisherigen elf Heften zur freien Verfügung nach ihrem Tod. Noch während ihres Aufenthaltes in Marseille und dann auf der Zwischenstation Casablanca entstanden zwei weitere Hefte mit Aufzeichnungen. Zu einer neuen, der intensivsten Phase der Arbeit an den "Cahiers" kam es erst einige Monate später in New York, wo Simone Weil, in Erwartung der Rückkehr nach Europa, allein fünf Hefte mit Notizen füllte. Zum letztenmal nahm sie ihre Niederschriften in England auf, als sie, bereits vom Tod gezeichnet, im Krankenhaus das sogenannte "Carnet de Londres" verfaßte.

Während die ersten elf Hefte im Besitz von Thibon blieben, gelangten die acht später entstandenen in die Hand der Familie Weil. Daß es zwei separate Nachlaßteile gab, deren Verwalter, wie man vermuten darf, durchaus unterschiedliche Interessen verfolgten, hat die posthume Editionsgeschichte der "Cahiers" in Frankreich ganz wesentlich bestimmt. 1947 publizierte Thibon unter dem Titel "La pesanteur et la gräce" (das 1952 als "Schwerkraft und Gnade" in Westdeutschland erschien) Teile aus dem Korpus des ihm anvertrauten Materials. Drei Jahre später folgte unter dem Titel "La connaissance surnaturelle" (Übernatürliche Erkenntnis) der gesamte Textbestand des zweiten Nachlaßteils, ohne daß man sich die Mühe gegeben hätte, die Hefte des Bandes zu gliedern und sie in ihrer ursprünglichen Reihenfolge zu drucken. Zwischen 1951 und 1956 erschien schließlich eine dreibändige Ausgabe der "Cahiers" aus dem Thibonschen Nachlaßteil, die freilich nirgendwo erkennen ließ, daß es sich bei "La connaissance surnaturelle" um ihre wenn auch entstellte Fortsetzung handelt. Dieses editorische Trauerspiel wurde in Deutschland noch einmal überboten, wofür die Herausgeber ein charakteristisches Beispiel nennen. Bei der Übersetzung von "La pesanteur et la grâce" blieb jenes Kapitel unberücksichtigt, aus dem das problematische Verhältnis Simone Weils zu ihrer eigenen jüdischen Herkunft hervorgeht: Im Deutschland der fünfziger Jahre galt es als inopportun, Texte antijudaischen Inhalts zu drucken, und dies auch dann, wenn sie aus jüdischer Feder stammten.