Von Gabriele Riedle

Das waren Zeiten, als man einfach so – hemmungslos, gierig und vor allem überbaufrei – konsumieren konnte ... Als Geldbesitz und Einkaufsglück noch eins waren! Vorbei.

Jetzt wird sublimiert: Soeben hat in Berlin das erste deutsche "Kulturkaufhaus" eröffnet. So nennt sich die deutsche Dependance des französischen Unternehmenes Fnac. In der Meinekestraße werden auf 3200 Quadratmeter Fläche Unmengen von Büchern, "Tonträgern", Photo-, Film- und Videoausstattungen sowie Fernseh-Hifi-Geräten und Computern verkauft. In Frankreich und Belgien ist Fnac Marktführer im Buch- und Schallplattenhandel. Laut Selbstanpreisung geht es ihr um eine Kombination aus Commerce, Culture, Consumerisme, also um Kommerz, Kultur (mit Lesungen und Diskussionen, integrierten Galerien, Sponsoring und Literaturpreisen) und Verbraucherschutz durch eigene Warentests. Nebenbei garantiert die Kette jeweils billigste Preise in der Stadt und bildet die Kundschaft in Extra-Kursen im Bedienen des komplizierten Geräts aus.

Gegründet wurde die Fnac als Föderation nationale d’achat, also als eine Art Konsumgenossenschaft 1954 in Paris. Und zwar von Max Theret und André Essel, zwei "Trotzkisten" – was profitfern klingt und gern betont wird. Inzwischen führt das Unternehmen in Frankreich 35 und in Belgien vier eigene Läden; seit 1985 gehört es mehrheitlich der französischen Versicherungsgruppe GMF. Umsatz im letzten Geschäftsjahr: 7,4 Milliarden Francs, fast 2,5 Milliarden Mark. Weil die Fnac in Frankreich Bücher bis zu zwanzig Prozent unter Preis angeboten hatte, mußte sie sich den Vorwurf gefallen lassen, kleine Buchhändler zu ruinieren. Achtzig Millionen Mark wurden in Berlin investiert, erster Schritt zur weiteren Expansion ins nichtfrankophone Ausland. Man öffne sich nach Europa, heißt das in der Fnac-Sprache, die ständig darauf bedacht ist, Marketing und ewige Werte zur Deckung zu bringen. Die "Auffassung von Handel" sei nicht weniger als: "humanistisch".

"Humanistisch" geht in der Handelspraxis so: Schon auf dem U-Bahnhof und der Straßenkreuzung stehen humane Schilderständer mit dem Slogan Fnac – Die Kopfbewegung, Meinekestraße auf Bauch und Rücken. Die Eingangshalle beruft sich stilistisch auf den diskreten Charme der sechziger Jahre (erprobt in Pentahotels oder Stuttgarter Landtag: feine Kirschholzcounter und Wandtäfelungen, grauer Filzteppich, hochglanzgeschliffener Granit, zeitlose Formen, gedeckte Farben. Schnell noch ein Auge auf die Photoausstellung mit Bildern des Altmeisters Brassaï geworfen, und schon haben wir den Blick frei auf ein weites Rund, von dem strahlenförmig die Verkaufsstraßen (Boulevards sollte es bei soviel Place-de-l’Étoile-Topographie heißen) auslaufen. Rundherum angeordnet die Kassen, eine neben der anderen wie bei der Abfertigung am Flughafen. Fünfzehn sind es. Doch die sogenannte "Kaufhandlung" steht ganz am Schluß. Zunächst kommt es darauf an, die Neugierigen so lange wie möglich im Laden zu halten. Mit jeder Minute steigt schließlich die Chance, daß sie vom "Kulturgut" angesprungen werden, von einem der 90 000 verschiedenen Tonträger oder der 100 000 Bücher.

Der Umwandlung von Zeit in Geld dient auch das kleine "Auditorium" in der CD-Abteilung, eine Nachbildung des sternenübersäten runden Zauberflötenbühnenhimmels von Karl Friedrich Schinkel ("das war ein Berliner Architekt", erläutert der Berliner Geschäftsführer Jean-François Lehner). Im Zentrum von Fnac steht, zwei Meter hoch, das Wunderwerk moderner Attrappenkunst: "Der Denker" von Auguste Rodin, hergestellt aus Harz mit pulverisierter Bronze als Leihgabe des Pariser Musée Rodin. In den Sesseln und unter den faksimilierten Zeichnungen um ihn herum soll der humanistische Käufer "denken und träumen", so der Geschäftsführer. Und in der Tat: Dort sitzt er und meditiert über seinen Camcorder-Prospekten.

Im "Forum", einem kleinen Vortragsraum, hat ein Mitglied der Geschäftsleitung gerade Siegfried Unseld begrüßt, den "größten Verleger Deutschlands". Daß er hier ist und die Reihe mit Vorträgen, Diskussionen, Signierstunden und so weiter eröffnet, sei "ein Signal, daß die Fnac nicht einfach ein Kaufhaus und etwas zum Fürchten ist, sondern ein kultureller Ort". Das Unternehmen werde durch den Besuch des Suhrkamp-Verlagschefs aufgewertet, findet der Fnac-Mann. Buchhändlerkollegen hätten ihn deshalb gewarnt, weiß Unseld. Aber auch hier arbeitet man schließlich am großen gemeinsamen Ziel: Leser zu mobilisieren!