Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im Dezember

Was kann doch Schwanengesang schön sein! Noch ist Pierre Mauroy der Erste Sekretär der Sozialistischen Partei Frankreichs, noch einmal gelang ihm am vergangenen Sonntag die alte Glanznummer als Hüter der Eintracht. Vor zwanzig Jahren gehörte der Mann aus dem proletarischen Norden mit François Mitterrand zu den Gründungsvätern der Parti socialiste, die Rose in der Faust und die Internationale auf den Lippen. Damals träumte nicht nur Mauroy von einem "Sozialismus in den Farben Frankreichs" und einem zweiten Frühling der Volksfront.

Zehn Jahre später führte ihm, inzwischen der erste linke Premierminister der Fünften Republik, solche Ahnenverehrung die Feder bei der Gesetzgebung. Erhöhter Mindestlohn, 38-Stunden-Woche, fünfte Ferienwoche, vorgezogenes Rentenalter: Davon möchten heute selbst jene Franzosen nicht mehr lassen, die längst Mauroy, Mitterrand und Genossen zum Teufel wünschen. Diese Neuerungen beschworen nostalgisch die dreißiger Jahre eines Léon Blum. Doch zu dessen Zeiten stimmte der klassenkämpferische Gegensatz zwischen Proletarier und patron noch. 1981 waren die Verhältnisse nicht mehr so: Das mußten die Sozialisten um Mauroy genau wie viele Franzosen durch die Pleite der anfänglichen Wirtschafts- und Sozialpolitik schmerzlich erfahren.

Mauroy begriff rascher als Mitterrand und die meisten seiner Minister. Gleichwohl haftet dem damals unglaublich populären Premierminister seither hartnäckig der Ruf an, sich in der Epoche geirrt zu haben. Ihm allein werden die Fehler der frühen Jahre angekreidet.

Pierre Mauroy trug auch auf dem außerordentlichen Parteitag wieder die joviale Miene eines Jugendherbergsvaters. Ausgerechnet den Betonkeller unter dem modernen Pariser Tiumphbogen Arche de la Defense wählten die Sozialisten, um ihr Programm für das Jahr 2000 zu diskutieren. Tief unten im Keller sind auch die Popularitätskurven von Präsident, Premierministerin Edith Cresson und Partei. Der Name Arche de la Defense verführte darum zu ganz anderer Übersetzung: Wie in einer schützenden Arche krochen hier die Genossen zusammen, wie Stammvater Noah suchte Mauroy die bedrohte Spezies Sozialist vor der Unbill der Zeiten zu bergen. Nur am Rande ging es um die 130 Seiten des bemerkenswert selbstkritischen Programms, in dem unter Berufung auf den Soziologen Edgar Morin viel von der Komplexität der Welt die Rede ist und noch mehr von den verlorenen Illusionen der Sozialisten. Die stille Revolution Frankreichs, so ist dort zu lesen, hätten sie nicht verstanden, und in den zehn Jahren der Macht hätten sie sich mehr verändert, als sie die Gesellschaft ändern konnten.

Beim Stichwort Zukunft mochte die Basis – von den 190 000 Parteimitgliedern hatte sich nur ein Drittel an der Diskussion beteiligt, davon gaben achtzig Prozent dem Schlußtext ihren Segen – an Probleme wie Erziehung oder Stadtentwicklung, Einwanderungs- oder Sozialpolitik denken. Doch die Führer ihrer Partei, die "Elephanten" und "Tenöre", die sich die Redezeit aufteilten, dachten nur an die (eigene) Macht und an die Nachfolge Mauroys – und Mitterrands.